KREUZ, vom lateinischen crux, althochdeutsch chrûci, chriuzi, mittelhochdeutsch kriuce, kriuze, schwedisch, dänisch kors. Das kreuz Christi, (das heilige kreuz, wie es gewöhnlich heißt, im Gotischen übrigens galga genannt). kreuz wird vielfach sinnbildlich für den glauben an Christum selbst gebraucht. - Von Christi kreuze bildlich für leiden, unglück, plage: "mir möchten manchmal die kniee zusammenbrechen, so schwer wird das kreuz, das man fast ganz allein trägt" (Göthe an frau von Stein).

Schon im 16. Jahrhundert (sicher schon früher) ist die vorstellung des eigentlichen kreuzes aus dem worte gewichen: "zur hypochondrie auch noch eine frau, das wäre zu viel kreuz" (Gellert). - Das kreuz als christliches wahrzeichen: "ists ein wunder hernach, wann der Jud und der Türk zum kreuze krochen und auch katholisch worden seind" (der pater zu Karl Moor in Schillers "Räubern").

Das bild des kreuzes, als zeichen des segens: "der student tritt mitten in die stuben, macht vil kribes kräbäs, vil creuz und segen, spricht wörter, die kein teufel in der höll verstanden" ("Bacchusia"). Als schutzmittel gegen böse, teuflische einflüsse: "er musz sein lebtag dein man und du sein weib sein, da hilft kein kreuz für" (Fischart). Im Aberglauben lebt der gebrauch noch in allerlei formen oft wunderlich genug, wie in einem kreuze aus pantoffeln: "die klagt, wie manche liebe nacht / ein schwerer alp sie stöhnen macht, / wenn rückwärts nicht gestellt war / mit kreuzen ihr pantoffelpaar" (Heinrich Voss, 1825). - man warf sich beim beten in kreuzform zur erde, mit ausgebreiteten armen, das hiesz: "an ein crütze vallen."

Dann vielfach in nichtkirchlichem gebrauch, als merkmal oder zeichen überhaupt, und davon wird manches über die christliche in die heidnische zeit zurück reichen, die das zeichen schon kannte, nicht blosz die germanische, in der runenschrift gibt es kreuzähnliche zeichen, wie ja auch die griechische und lateinische schrift im alphabet (Xi, X) das zeichen haben. das runenkreuz scheint aber auch schon religiöse bedeutung gehabt zu haben, man hat vermutet als bild von Thors hammer.

kreuz als vertreter wirklicher schrift: "er kann nicht schreiben, doch sein kreuz ist gut / und wird ihm honorirt von jud' und christ" (Isolani über Tiefenbach in Schillers "Wallenstein").

kreuz als zeichen beim rechnen: aufrecht (+) als pluszeichen, liegend ( ) als multiplikationszeichen". - mit einem kreuze wird aber auch ausgestrichen: "dem armen seine schuld zu schenken und dem reichen ein kreuz über die rechnung zu streichen" (Stilling "Häusliches Leben", 1789).

am körper das unterste ende des rückgrates: "die last bricht mir das kreuz entzwei" (Göthe), aber auch für nacken und - schonend - für after und die gegend der schamtheile. - technisch: fensterkreuz, degenkreuz. - kartenspiel gleich treff.

Aus dem "Deutschen Wörterbuch"

von Jacob und Wilhelm Grimm (1877)

Der Aberglaube, entstanden im Heidentum und übernommen vom Judentum, hat die christliche Kirche von Anfang an verpestet. Ausnahmslos alle Kirchenväter haben an die Macht der Magie geglaubt. Die Kirche hat die Magie immer verdammt, aber immer an sie geglaubt. Die Mohammedaner bezichtigen alle christlichen Gemeinschaften des Aberglaubens und werden selbst des Aberglaubens beschuldigt. Wer wird diesen großen Streit entscheiden? Die Vernunft? Aber jede Sekte behauptet ja, die Vernunft auf ihrer Seite zu haben. Also wird die Gewalt entscheiden."

Voltaire "Philosophisches Wörterbuch" (1764)

Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden.

Georg Herwegh

Gott am Kreuze - versteht man immer noch die furchtbare Hintergedanklichkeit dieses Symbols nicht? - Alles was leidet, alles was am Kreuze hängt, ist göttlich . . . Wir alle hängen am Kreuze, folglich sind wir göttlich . . . Wir allein sind göttlich . . . Ist denn das Kreuz ein Argument?"

Nietzsche "Der Antichrist"

Oder die Leute sind mit einer boshaften Dienstwilligkeit bei der Hand; denn die Leute sind, wie Jean Paul sagt, stets bereit, einem das Kreuz tragen zu helfen, wenn es das Kreuz ist, an dem man selbst aufgehängt werden soll.

Kierkegaard "Tagebücher"

Unser erster Gewinn ist, daß wir die Götzen- und Bilderanbetung Christi loswerden. Damit meine ich buchstäblich die Anbetung, die Bildern und Statuen von ihm und endgültigen und unveränderlichen Geschichten über ihn gezollt wird. Der Beweis für das Vorherrschen dieser Götzenverehrung ist, daß man nur von Jesus als einer wirklich lebendigen Person oder einem noch tätigen Gotte zu sprechen braucht, um solche Anbeter bestürzter als Don Juan zu machen, als die Statue von dem Postament herniederstieg und zum Abendessen zu ihm kam.

George Bernard Shaw

"Aussichten des Christentums"

Denn mäße man das Leid, wie viele hätten nicht das Recht, sich vor Jesus als Gottes Söhne zu betrachten! Es könnte sein, daß nicht alle Gottessöhne am Kreuz, an einem geometrischen und vertikalen Tode sterben!

Cioran "Auf den Gipfeln der Verzweiflung"

Die Kirche hat viel Gutes getan, aber sie lastet auf allem, was da frei war und drehte das Rad der Zeit perpetuierlich zurück.

Kurt Tucholsky