Wo ist die Zeit geblieben, in der die elegante Frau Hut trug, nicht nur hier und da, sondern überall und immerzu? So lang ist sie nun auch nicht her. Die Wiener Bühnenbildnerin Epi Schlüsselberger, Hutträgerin von Graden, erinnert sich an eine Vernissage in den fünfziger Jahren, zu der sie ausnahmsweise oben ohne erschienen war. Prompt wurde sie von Marietta Torberg, der Frau des Schriftstellers Friedrich Torberg mit dem Ausruf begrüßt: "Was, die Epi ohne Hut? Das ist ein Torso!"

Hätte Epi Schlüsselberger an jenem Tag einen Hut getragen, wäre es natürlich einer von Adele List gewesen. Die legendäre Hutmacherin, in den achtziger Jahren 94jährig verstorben, wird in Wien zur Zeit mit einer Ausstellung im französischen Kulturinstitut geehrt, die später auch noch in anderen Städten gezeigt werden soll. "Die Hüte der Adele List", so der Name der Schau, werden präsentiert wie Kunstwerke, und sie sind es auch: keine Modelle "mit Garnierung", sondern kleine Plastiken, meist aus einem Stück geformt, aus Federn, aus Filzstreifen, aus Tüll, aus Samt, aus Stroh, aus Seide. Manchmal klassisch, manchmal verrückt, niemals Chichi. Alle tragen die unverwechselbare Handschrift ihrer Schöpferin. "Hätte die List nicht Hüte gemacht, hätte sie gemalt oder gebildhauert", schrieb ein Kritiker.

List-Hüte wurden in Wien und Berlin gezeigt, in den großen Modehäusern verkauft, photographiert und bewundert. Die Ausstellung gibt einen Überblick: Da ist unter anderem eine leuchtendgelbe Filztoque mit kleinen Flügeln, ein blaugrüner "Glasfensterhut", aus Filzstückchen zusammengesetzt, ein mohnrotes Vogelnest aus geflochtenem Stroh. Gern experimentierte Adele List mit Material, das sie verfremdete - "gezwickter" Filz oder schmale aufgestellte Strohborten. Oft formte sie einen Hut direkt auf dem Kopf der Kundin aus nassem Material, genau passend zum Gesicht.

Wer war diese Adele List? Wie eine Modistin sah sie nicht aus, heißt es in Gertrud Buxbaums Buch, das ihr Leben und Werk ehrt. Ihre Exkundinnen erinnern sich deutlicher: klein und stämmig wie eine Marktfrau, die Haare zu einem strengen Knoten gebunden, ohne Allüren, aber mit unerbittlichem Qualitätsbewußtsein. Ihre Schwester war Oberin in einem Kloster, und auch Adele, unverheiratet und bis zu ihrem Tode allein lebend, hatte etwas Klösterlich-Strenges, allerdings gemildert durch Humor. Ihre Lehrmädchen hatten nichts zu lachen. Wenn eine Steppnaht drei Millimeter von der nächsten entfernt sitzen sollte, dann ließ die Chefin keine vier Millimeter durchgehen. "Ich bin ja so widerlich", soll Adele einmal geseufzt haben, "keine hält es bei mir aus."

Und streng behandelt wurden auch die Kundinnen. Wer einen Hut bestellen wollte, wurde zuerst unter die starke Lampe in Adeles Atelier an der Ecke Kärntnerstraße/Krugerstraße gesetzt und begutachtet ("wie beim Zahnarzt"), dann erst wurde probiert. Schleifchen und Rüschchen haßte sie; am liebsten sah sie, wenn zu diesen auffallenden Hüten Klassisch-Schlichtes getragen wurde, am besten von Gertrud Höchsmann, der großen alten Dame unter den Wiener Modeschöpfern, mit der die Hutkönigin stets gemeinsame Modeschauen veranstaltete. Sie mochte "Kleider mit Charakter" und, passend zu ihren Hüten, auch "Gesichter mit Charakter". Es paßte zu Adele List, daß sie sich nicht Susi oder Paulette oder auch Adele nannte, sondern einfach LIST - ein klares Logo in Schwarzweiß.

Die vierziger und fünziger Jahre waren Adeles große Zeit. Ein Abglanz der dreißiger Jahre, geprägt von Max Reinhardt und den Wiener Werkstätten, lag damals noch über der Stadt und auch über den Menschen, die in ihrem Salon Hüte kauften - die Schönen und Schicken vom Theater, vom Film, aus Zeitungsverlagen und aus der Mode-Branche, ein paar Aristokratinnen mit Geld. Die jüdischen Modemacher und ihre Kundinnen waren vertrieben. Als 1938 die Nazis kamen, sollte Wien nach dem Willen der neuen Machthaber ein "Zentrum der deutschen Mode- und Geschmacksindustrie" werden. Wer begabt, arisch und unpolitisch war, hatte seine Chance. Adele List, die Bäckerstochter aus St. Pölten, die in Wien und Paris gelernt hatte, war eine davon.

Dennoch war sie auf ihre Art unkorrumpierbar. Über Qualität und Stil ließ sie nicht mit sich diskutieren. Als einmal eine schwerreiche Dame aus dem sogenannten Altreich extra nach Wien geflogen kam, um bei Adele List Hüte zu bestellen, setzte die sie unter ihre Zahnarztlampe - und schickte sie rasch wieder nach Hause.