Wer wird das lesen? Freiwillig und bis zum Ende? Siebenhunderteinundachtzig Seiten? Die Legion der gutwilligen Käufer des neuen Grass-Buches vermutlich nicht. Die vielen ausländischen Leser, die dieses Prunk- und Paradestück der deutschen Gegenwartsliteratur in bisher fünf bereits vereinbarten Übersetzungen bald erreichen wird, erst recht nicht. Denn dieses Buch ist unlesbar.

Das schreibt sich nicht so leicht. Ohne Trauer und enttäuschten Respekt ist vom Scheitern des großen Meisters nicht zu berichten. Wer hätte sich nicht gewünscht, was von besinnungslosen Vorabkritikern schon vor Monaten behauptet wurde: die Wiederkehr des alten Erzählmagiers, die Neugeburt des unbekümmerten Artisten der Zeitgeschichte, des ungezähmten Wortmetzes und Buchhauers Günter Grass? Wer verehrte ihn nicht noch immer, den Autor der "Blechtrommel" und der Erzählung "Katz und Maus", der Werke, die alle redlichen, gutgemeinten Lehrstücke, die hölzerne Abhandlung "Örtlich betäubt", das apokalyptische Pamphlet "Die Rättin" oder das Indienbuch "Zunge zeigen" bis heute überstrahlen? Diesen frühen Meisterwerken, ihrer fast körperlichen Intelligenz, ihrem atemlosen Rhythmus, ihrer fremdartigen, allegorischen Perspektive ist es zu verdanken, daß ihr Autor noch immer weltweit als Heros der deutschen Gegenwartsliteratur gefeiert und in hohen Auflagen verlegt wird. Ein Unbekannter hätte für das jüngste Buch dieses populärsten aller noch lebenden großen Nachkriegsautoren kaum einen Verlag gefunden. Doch noch immer lebt die deutsche Literatur vor allem von ihren Legenden. Ein Dummkopf, der nicht wünschte, die Legende hielte noch einmal, was sie seit langem nur mehr verspricht.

"Ein weites Feld" heißt das annoncierte "Jahrhundertwerk". Fontane also. Ehefrau Ute, die es, wie die Widmung verrät, "mit F. hat", und die auch in persona, "mager, hochgewachsen, von gotischem Reiz", an der Seite ihres Gatten im "Weiten Feld" auftritt, hat Grass mit Fontane vertraut gemacht, damit, so steht es in der kurzen Skizze "Tallhover kann nicht sterben", notiert auf der Indienreise im Jahr 1986, "wir fortan unsere Liebe zu dritt . . ." Nun ja.

Auf derselben Reise las Grass, der Zufall wollte es, ein Buch von Hans Joachim Schädlich: "Tallhover". Ein kühnes Protokoll über den ewigen Spitzel, der von Bismarcks Sozialistenverfolgung bis zur deutsch-demokratischen Dissidentenhatz stets "für die Sache" und das wechselnde Vaterland, kühl bis ans Herz hinan, im Dienst stand. Ein steinerner Dauergast des Verrats, Kollaborateur der preußischen Unterdrückungsmaschinerie durch die Jahrhunderte, ein Mann, der, selbst ein Nichts, in der Welt des Verdachts, des Wahns und des Geheimnisses die Verhältnisse zum Tanzen bringt.

Eine Idee ward geboren. Grass machte ein Romankonzept. Und so kommt es, daß nun Fontane und Tallhover respektive deren profane Nachbildungen Fonty und Hoftaller zwei entscheidende Jahre lang, von 1989 bis 1991, auf Turnschuhen durch das Berlin der Imbißstuben und Abziehbilder schlendern. Zwei Herren aus der Leihbücherei auf dem Weg durch eine Stadt, die derart plakativ und schemenhaft ins Bild kommt, als gäbe es sie gar nicht, als hätte sie ihr Autor nie gesehen.

Aus zweiter Hand sind Ort und Personen, dürftig und schleppend der mühsam konstruierte Handlungsverlauf. Ein Mann, von Beruf Aktenbote, der einen Dichter doubelt, und ein ehemaliger Staatssicherheitsbeamter, der auf ungenaue Weise mit einer literarischen Figur eines weiteren Dichters verwandt ist, reden miteinander. Sie reden bei McDonald's, sie reden am Brandenburger Tor, sie reden im Tiergarten und im Keller der Treuhandanstalt. Sie machen Ausflüge ins Märkische und in die Lausitz, durchstreifen plaudernd die Ferieninsel Hiddensee. Sie erinnern sich an gemeinsame DDR-Zeiten, sie vergleichen die Gegenwart mit dem alten Preußen und der Bismarckzeit, sie lamentieren über die Wende, die vertanen Chancen und fachsimpeln bei all dem unermüdlich über Fontane. Der Rest, ein paar Familiengeschichten, Treuhand-Anekdoten und Nervenleiden abgezogen, ist Wiederholung. Im letzten Romandrittel bricht selbst dieser dünne Handlungsrahmen fast zusammen, und die bisher dürftig in Szenen und Situationen eingebetteten Gespräche werden nun durch seitenlange, kaum noch mit einer Handlung verknüpfte Briefzitate ersetzt. Fast scheint es, als habe sich Günter Grass mit diesem form- und anschauungslosen Papiergerippe von der Literatur verabschiedet. Als habe er, begleitet von diesem ewig in sich kreisenden Gerede, mit Bedacht seine letzte große Reise in die Wüste der totgeborenen Bücher geplant.

Richtige Menschen, komplizierte Charaktere mit Ab- und Untergründen, mit Gewissensnöten und neuzeitlichem Seelenleben waren noch nie die Sache des Erzählers Günter Grass. Die Liebe trommelten sich seine Figuren aus dem Leib, die Sehnsucht hing ihnen als Schraubenzieher um den Hals, das Leben kotzten sie sich, wenn es denn sein mußte, buchstäblich vor die Füße. Manieristische Personen allesamt, deren Innenleben sich nie im Verborgenen, im Zweifelhaften und Unwägbaren, sondern im Offensichtlichen, im Bildhaften und Grotesken abspielte.