"Der nackte Mensch ist nicht ausgezogen,

sondern nicht angezogen."

Magnus Hirschfeld

Anstößig fand Jörg Damm das Verhalten der Dame, die nur mit einem BH bekleidet über den Tennisplatz hüpfte. Jörg Damm ist Mitglied des "Deutschen Vereins für Freikörperkultur e. V." (DFK) und ziemlich sauer darüber, daß seine Clubfreundinnen und -freunde auf den FKK-Geländen immer seltener die Hüllen fallen lassen. "Unsere Vereinigung wird zu einer ,Gesellschaft mit beschränkter Nacktheit`", bedauert er und erinnert sich an ein Sportfest, auf dem von sechzig Teilnehmern nur einer unbekleidet zu den Wettkämpfen antrat. Eine neue Prüderie? Die Ursachen sind vielfältig, doch einer der Gründe ist ganz profan: Die Kunststoffbeläge, die allmählich auch auf den FKK-Sportplätzen Standard sind, hindern viele daran, nackig um die Wette zu rennen. Wer da auf die bloße Haut fällt, kann sich ziemlich weh tun. Schuld sei aber auch die Erziehung. Der Laissez-faire-Stil, mokiert sich der Grund- und Sonderschulpädagoge Damm, trage dazu bei, daß die pubertierenden Kiddies eingefleischter Freikörperkulturfans sich in Badehosen auf dem Handtuch lümmeln.

Ist doch nichts dabei, sich auszuziehen. Zumindest nicht auf dem FKK-Gelände. Und mit Erotik hat die Freikörperkultur ja eigentlich gar nichts zu tun - so der in weiten Bereichen der Nacktenbewegung gängige Tenor.

Doch wer sich in Jörg Damms Wohnhaus in Baunatal bei Kassel begibt, ist sich da nicht mehr so sicher. Dort nämlich führt Damm die FKK-Bibliothek weiter, die sein Vater Karlwilli in den sechziger Jahren angelegt hat und die den Zeitraum von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart umspannt. Der Interessierte, der die Bände gegen eine Spende in selbstgewählter Höhe begutachten kann, erfährt alles über die Nacktenbewegung und ihren erotischen Aspekt. Jörg Damm, der seine Sammlung als eine der größten der Welt bezeichnet, hat sämtliche Bestände registriert und nach Stichworten geordnet: Neben vollständigen Ausgaben in den zwanziger und dreißiger Jahren vielgelesener Hefte wie Licht und Schönheit, Paradies oder Das Freibad reihen sich La vie en Soleil und The Naturist. Aber nicht nur Bücher hat Damm in seiner Sammlung: Zinnfiguren stellen den Sündenfall dar oder die nackte Judith, bevor sie mit dem Kriegsherrn Holofernes die letzte Nacht seines Lebens verbringt. Auf Nachfrage zeigt Jörg Damm auch seine Briefmarkensammlung mit Motiven von Hans Holbein, Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer, die auch üppige Madonnen mit entblößten Brüsten, das nackte Jesuskind auf dem Arm, gemalt haben. Sonderbar eigentlich, daß katholische wie protestantische Moralisten im Hinblick auf die Geschichte der christlichen Kunst so laut wetterten, als um die Jahrhundertwende die FKK-Bewegung ihren Anfang nahm.

Bei den ersten organisierten Nackten handelte es sich um "Lebensreformer". Der Industrialisierung überdrüssig, suchten sie nach einer natürlichen Lebensweise. Und das Ganzkörpersonnentanken galt vor dem Ozonloch noch als ausgesprochen gesund. Was lag da näher, als daß die "Geißeln der Zivilisation" sich ihrer Kleider entledigten. Die ersten Nacktbadestrände wurden eröffnet, und im gesamten Deutschen Reich entstanden FKK-Gelände mit Schwimmteichen, Gymnastikwiesen und Sportbahnen. In vielen Zentren war es verpönt, Fleisch zu essen, Alkohol und Nikotin waren sowieso tabu. Die Unverhüllten knabberten aber nicht nur gemeinsam Kohlrabi. Sie lauschten Vorträgen und diskutierten darüber, wie das Individuum und die Welt zu verbessern seien. In manchem "Nackedunien" hielten die "Lichtkämpfer" gelegentlich inne beim Schwimmen, Bogenschießen und Speerwerfen, um Hand in Hand in den "Chor der Gemeinschaft" einzustimmen: "Wenn die letzte Maske fällt, bau'n wir eine neue Welt, jenseits von der großen Stadt, die uns einst gefangen hat", lautete die erste Strophe.