Der Müllerbursche Johannes Mehlhorn aus Chemnitz fischte im Jahre 1736 beim Schlemmen der Mühlgräben am Niklaswehr 475 perlentragende Muscheln aus dem Fluß. Ordnungsgemäß meldete er den Fund, denn das eigenmächtige Öffnen der Muscheln war wegen der Beschädigungsgefahr bei Strafe verboten. Der Kurfürstliche Hof zu Dresden schnappte sich die Beute - der Finder ging leer aus. Eine demütigende Erfahrung für den jungen Müller. Zwanzig Jahre später starb Johannes Mehlhorn in einer Chemnitzer Gefängniszelle, in der er wegen veruntreuter Perlenfunde lange eingesessen hatte.

Perlen sind aus der Chemnitz schon lange nicht mehr zu holen. Dafür gibt es landschaftliche Raritäten entlang des nicht einmal dreißig Kilometer langen Flußlaufs, die Radfahrer und Wanderer an einem einzigen Tag erkunden können. Breite Talkessel, satte Wiesenauen, enge Durchbrüche durch den Granitstock des Vorerzgebirges, bizarre Felsformationen und gewaltige Gesteinsüberhänge, wie es sie in Europa nur noch im Tessin gibt. Bergkuppen umkurvt der Fluß, durch Tunnel zwängt er sich hindurch, ein Gefälle von 130 Metern erreicht die Elbe zwischen Dresden und Hamburg nicht.

Die Wanderung entlang der Chemnitz führt nicht über ausgebaute Wander- oder Fahrradwege, aber meist am Ufer entlang - vorbei an verwilderten Flußwegen, die nach Einsetzen der Industrialisierung Ende des vergangenen Jahrhunderts vergessen wurden und nun wiederzuentdecken sind. Dem Blick öffnet sich ein botanischer Gemischtwarenladen mit Wiesen, Obstbäumen und wildem Gesträuch, mit Astern, die aus Gärten leuchten, und schwermütig nickenden vertrockneten Sonnenblumen.

Die Wanderung ist aber auch eine Exkursion durch die Verkehrsgeschichte des 20. Jahrhundert - allein 54 Brückenbauwerke überspannen den kurzen Flußlauf, die Chemnitztalbahn rattert auf über neunzig Jahre alten Gleisen Berge hinauf und hinunter, und die Straßen winden sich durch eine streckenweise beängstigende Gesteinskulisse. Die Reise geht aber auch vorbei an den Überresten einer Industrielandschaft, die Sachsen einst Weltruhm eingebracht hat. Fabrikkomplexe aus der Gründerzeit, ihre Torsi und Ruinen säumen den Weg durch siebzehn Dörfer und eine Großstadt mit fast 300 000 Einwohnern. DDR-Zweckbauten füllen häufig noch das Blickfeld. Sie sind heute großenteils marode, stillgelegt, hier und da urwaldartig zugewuchert. Das ist die Stunde der Natur. Das Chemnitztal holt sich seine Ursprünglichkeit zurück.

Die Chemnitz beginnt ihren Lauf in Chemnitz - unbemerkt. Sie hat keine Quelle, sondern wird gespeist aus den Erzgebirgsflüssen Zwönitz und Würschnitz. Sie vereinigen sich am Fuß des Pfarrhübels vor Harthau, dem südlichsten Stadtteil von Chemnitz, ehemals Karl-Marx-Stadt. Der 423 Meter hohe Pfarrhübel gilt als letzter Außenposten des Erzgebirges. Von Anfang an strudelt die Chemnitz als flacher, aber überraschend breitbettiger Fluß dahin.

Der Fluß durchströmt Altchemnitz, die Keimzelle der heutigen Stadt. Der sumpfige Boden war für die Landwirtschaft ungeeignet, so entstanden am Uferrand Spinnereien und Papiermühlen, im 20. Jahrhundert kamen Fabriken der Textilindustrie und des Maschinenbaus hinzu. Im gesamten Chemnitztal sind diese teilweise monumentalen Denkmäler der Industriegeschichte anzutreffen.

Altchemnitz hat den Doppelcharakter konserviert: Schiefe Fachwerkhäuser erinnern an die dörfliche Vergangenheit, emporgestemmte Fabrikbauten dokumentieren, wie hier eine ungeduldige wirtschaftliche Entwicklung ihre Schubkräfte ansetzte. Die vierspurige Betonbrücke am Ende des städtischen Südrings ist allerdings ein Produkt der Neuzeit: Die jüngste Chemnitzbrücke wurde 1977 fertiggestellt und nahm Altchemnitz viel von seinem Charme.