Gerhard Schröder - die allermeisten seufzen über ihn. Er hat sich wenig Freunde gemacht während dieses merkwürdigen Sommertheaters, aber sich Freunde zu machen, das ist ohnehin nicht seine Stärke.

Anderswo geht es um die wirklichen Dramen: Die Sozialisten in Frankreich debattieren seit Wochen heftig über die Ursachen ihrer Misere. Und ob diese damit zu tun haben könnte, daß die globalisierten Märkte eine nationale Wirtschaftspolitik nicht mehr zulassen. Tony Blair streitet für Europa und gegen die Antimodernisten bei Labour. Mit Felipe Gonzßlez geht es nun wirklich bergab. Europas Linke hat kein Projekt und allen Grund, darüber zu reden. Aber die SPD hat nur über die Frage gestritten, wer denn der Schönste sei in der ganzen Partei: Rudolf Scharping oder Gerhard Schröder?

An Popularität hat der Hannoveraner dabei beträchtlich zugelegt. Er könnte - heute - Kohl schlagen, behaupten die Demoskopen, aber die behaupten vieles. Scharping, sagen sie, sei hoffnungslos abgehängt. Irgendwann beim Gespräch in Hannover unter dem großen Sonnenschirm, ein Gewitter prasselt gerade herunter, erwähnt Schröder etwas vom "überraschenden Reiz" der Umfragen im Sommer. Und dann sagt er noch, Modernität werde nun mal nicht nur über Programme, sondern auch über Personen symbolisiert . . . Der Rest geht unter in Blitz und Donner.

Die SPD, urteilt Schröder, der Sünder ohne Reue, müsse die Leute doch "wieder begeistern". Und glückt ihm das etwa nicht? So ganz unverständlich ist es nicht, daß er die öffentliche Resonanz auch gegen Parteifreunde ins Feld führt. An ihr zeigt es sich auch, daß das Problem keineswegs per einstimmigen Beschluß des Parteipräsidiums zu lösen ist. So ist das am Montag wieder einmal versucht worden. Rudolf Scharping verkündete hinterher, selbstverständlich sei der Vorsitzende auch Kanzlerkandidat, und er habe "das Recht des ersten Zugriffs".

Dem hat Gerhard Schröder zugestimmt. Selbstverständlich, sagt er. Er glaubt trotzdem, daß über den Kanzlerkandidaten in Wahrheit erst viel später entschieden werde. Er sagt es nicht so, aber es ist ganz klar: Er möchte kandidieren, und er will Kanzler werden. Er glaubt auch, er würde es schaffen.

Da mag sich die Versammlung ambulanter Therapeuten, die man Parteipräsidium nennt, noch so einhellig und besorgt über den Unbotmäßigen beugen, es bleibt ein Herumdoktern an äußerlichen Symptomen. Es sei leicht, einen Beschluß von zwölfen gegen einen herbeizuführen, hatte Johannes Rau in der Runde resümiert, aber ob es nicht besser wäre, eine Formel zu finden, der Schröder zustimmen könnte. Sie wurde auch gefunden.

Oskar Lafontaine hatte Schröder gewarnt, wenn er nicht "Gruppenloyalität" übe, boote er sich am Ende selber aus. Das habe er doch schon oft gesagt: "Du erinnerst dich, Gerd!" Allerdings setzte der Saarbrücker auch noch hinzu, über den Kandidaten entscheide zwar einerseits die Partei. Andererseits aber spreche letztlich doch auch die Öffentlichkeit ein Wort mit. Und die - das blieb bei dem Satz in der Schwebe - hat Scharping wahrlich noch nicht für sich gewonnen.