Die Leitgattung der japanischen Literatur ist neben dem Essay der Familienroman. Schon den ersten Klassiker Japans, die "Geschichte des Prinzen Genji", könnte man als Vorläufer dieses Genres interpretieren. Eingehende, detailverliebte, so konventionsbewußte wie psychologisch radikale Beschreibung der engsten persönlichen Beziehungen ist Gesetz und Leistung jener Bücher, vom höfischen Roman der Dame Murasaki um das Jahr 1000 bis zu den Popromanen von Banana Yoshimoto, Protagonistin der japanischen "Generation X", in unseren neunziger Jahren: eine in der Weltliteratur einzigartige historische Enzyklopädie hochzivilisierter Intimität.

Auch die Werke des Nobelpreisträgers Kenzaburô Oe sind aus der Konvention des Familienromans zu begreifen. Sie stellen so etwas wie seine modernistisch-zerbrochene Ausprägung dar. Im Zentrum der Familien Oes nämlich steht - seit dem Schicksalsschlag, der das Leben des Autors mit der Geburt des eigenen Sohns unwiderruflich veränderte - nicht der glücklich-hoffnungsvolle Stammhalter, sondern das behinderte Kind, das den konventionellen Sinn der Familie zu negieren scheint. Oes Version des Familienromans führt damit weit ins Innere der Sehnsüchte und Ängste, die sich in der japanischen Gesellschaft mit dem Familienverhältnis verbinden.

Im Frühwerk (auf deutsch sind die Erzählungen "Und plötzlich stumm" sowie "Der Fang" greifbar) ist die Familie das Opfer der Geschichte. Der historische Bruch von 1945 zerstört das Leben des Dorfs. Die Erzähler dieser knapp-lakonischen (wenn die Übersetzung nicht trügt: an Hemingway geschulten) Geschichten sind Kinder. Der Vater des Jungen in "Und plötzlich stumm" wird von amerikanischen Soldaten erschossen. Das Kind hilft dem Dorf, Rache zu nehmen, und verliert zugleich mit dem Vater die Unschuld und das Vertrauen in die Welt des ländlichen Japan, dessen Macht über die Gesellschaft tatsächlich erst mit der Niederlage im pazifischen Krieg zerbrochen ist.

Die Erzählung "Der Fang", Oes erster großer Erfolg, schildert die Gefangennahme eines schwarzen amerikanischen Soldaten, der kurz vor Kriegsende aus seinem brennenden Flugzeug mit dem Fallschirm abgesprungen ist und im Keller eines Hauses im Dorf festgehalten wird, bis sich die paralysierte Obrigkeit in der Provinzhauptstadt zu einem Entschluß darüber durchringen kann, was mit ihm zu geschehen habe.

Der kindliche Erzähler freundet sich mit ihm an und wird schließlich von dem verzweifelten GI, der seine Liquidierung erwartet, bei der Ankunft des Bürgermeisters als Geisel genommen. Entsetzt sieht der Junge mit an, wie sein Vater mit dem Beil den Kopf des amerikanischen Soldaten und dabei auch die Hand seines Sohnes zertrümmert. "Ich war kein Kind mehr . . . Dieser Gedanke erfüllte mich wie eine Offenbarung. Die blutigen Raufereien mit Hasenscharte, das Vogelfangen in mondhellen Nächten, das Rodeln, das Fangen junger Wildhunde - all das war etwas für Kinder. Diese Art Beziehungen zur Welt war mir fremd geworden."

Die amerikanischen Offiziere für psychologische Kriegsführung und reeducation haben nach der Besatzung Japans immer wieder den Eindruck geschildert, die inneren Beziehungen der Untertanen des Inselreiches zu ihrem Kaiser und zur Obrigkeit allgemein glichen denen von Kindern zu ihren Eltern und Lehrern. Das Jahr 1945 erst bedeutete den Zwang, erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen - ein Zwang übrigens, dem sich die japanische Gesellschaft und ihr Establishment bis heute nicht in jeder Beziehung gestellt hat.

Kenzaburô Oe ist der bedeutendste Chronist dieses Kindheitsendes im persönlichen und geschichtlichen Sinn - und er ist (ähnlich wie Heinrich Böll und Günter Grass) über der literarischen Gestaltung jenes historischen Moments zum Linken geworden: zu einem Feind des konventionellen japanischen juste milieu und zu einem Gegner der moralisch und politisch gelähmten LDP-Elite, die das Land seit dem Kriegsende bis vor wenigen Jahren regiert hat.