Sie durchtanzte die Nächte in den Winkelkneipen der bombenzerstörten Stadt Worms, vernachlässigte ihre Kinder und ermordete drei Menschen, um alle Hindernisse ihrer hemmungslosen Lebensgier zu beseitigen. So schildert Hildegard Damrow in ihrem Buch "Frauen vor Gericht" die dreifache Mörderin Christa Lehmann. Am 22. September 1954 verurteilte ein Mainzer Schwurgericht die damals 31jährige zu dreimal lebenslänglich.

Christa Lehmann wurde zum Sensationsfall, weil sie ein bis dahin unbekanntes Gift verwendet hatte: das Pflanzenschutzmittel E-605. Es wurde, obgleich von gräßlicher Wirkung, auf Jahre zum Modegift, von Mördern wie Selbstmördern benutzt. Nach den Motiven der Frau wurde nicht geforscht, sie galt als Inkarnation des Bösen.

Christa Lehmann war fünf Jahre alt, als ihr Vater zum zweiten Mal heiratete. Mit elf Jahren hatte sie zum erstenmal Gelegenheit, ihre Mutter zu besuchen - in der Heil- und Pflegeanstalt. Die Großmutter nahm sie heimlich mit. Der Vater erfuhr davon und prügelte sie. Christa heiratete mit 21 Jahren einen Fliesenleger. Die Hochzeitsnacht verbrachte der mit einem Büffetfräulein, die Braut schlief bei der Schwester im Bett.

Die Männer ihrer engsten Umgebung schlugen und soffen. Abends saß die junge Frau zu Hause, das Herdfeuer diente als Beleuchtung, und manchmal fehlte sogar der Brennstoff. Spät in der Nacht kam der Ehemann nach Hause, stank nach Alkohol und süßem Parfüm. Dreimal lief sie weg, dreimal wurde sie zurückgeholt. Verständnis hatte nur die Schwiegermutter. Als die alte Frau ans Sterben kam, überdachte sie ihr eigenes verpfuschtes Eheleben und gab ihrer Schwiegertochter den Rat: "Wenn ich in deinen jungen Jahren wär', ich gäbe dem Alten was ins Fressen."

Unabsichtlich machte der Vater, ein Hobbygärtner, sie auf das Pflanzenschutzmittel E-605 aufmerksam. "Paß Obacht", warnte er, "daß die Kinder nicht drangehen. Die können dran sterben." Im Herbst 1952 mischte Christa Lehmann ihrem Mann das Gift in die Frühstücksmilch, ein Jahr später dem Schwiegervater in den Joghurt. Die Morde an den beiden tyrannischen Männern blieben unentdeckt, verführten dazu, Probleme weiterhin mit Gift zu lösen. Da war die Mutter ihrer Freundin im Weg, die Verdacht geschöpft hatte. Christa Lehmann präparierte eine Praline mit E-605, die jedoch die Freundin aß. Christa Lehmann wurde verhaftet, verurteilt.

Im Knast in Neuwied tat sie alles, sich selbst zu bestrafen. Sie versuchte, sich umzubringen, schluckte Nägel, Stricknadeln und Bleireste, kam mit einer Bleivergiftung in die Klapsmühle. 1971 wurde sie ins hessische Frauengefängnis nach Frankfurt verlegt. Helga Einsele, die Direktorin des Gefängnisses und bedeutendste Strafvollzugspraktikerin der Bundesrepublik, couragierter als ihre männlichen Kollegen, hat mich damals mit den Akten ihrer Gefangenen in einem Raum eingeschlossen, damit ich ungestört lesen konnte. Viele Wochenenden, heute undenkbar, verbrachte ich auf der Abteilung der "Lebenslänglichen". Christa Lehmann, der ja ausschließlich negative Eigenschaften zugeschrieben wurden, war sich damals selbst unheimlich. Nun konnte sie über sich reden, sich öffnen. Eine gedemütigte Frau hatte sich in einer extremen Situation extrem gewehrt. Was keinen Mord rechtfertigt. Doch: Damals gab es keine Frauenhäuser, in denen geschlagene Frauen Zuflucht hätten finden können, und eine Scheidung war wesentlich schwieriger als heute.

Nach 23 Jahren Haft kam Christa Lehmann unter einem anderen Namen in Freiheit. Eine Gefangenenhilfsorganisation verriet dies umgehend einer Illustrierten. Die Versuche der Sensationspresse, Christa Lehmanns Identität zu lüften, haben ihr lange zu schaffen gemacht. Einmal tauchte eine ehemalige Mitgefangene am Arbeitsplatz auf, schrie, ob man nicht wisse, daß hier die Giftmörderin Lehmann beschäftigt sei. Die böse Absicht hatte gute Folgen: Nun wußten alle Bescheid, und da die Kollegin geschätzt wurde, passierte nicht, was sonst passiert. Christa Lehmann blieb, bis zu ihrer Pensionierung. Danach half sie noch oft in ihrem alten Betrieb aus. Seit bald neunzehn Jahren ist sie nun in Freiheit, nahezu konfliktfrei.