Selten nur, dass dieser Mann um eine Antwort verlegen ist. Aber auf eine Frage, ob er nämlich Fehler gemacht habe in seinem Leben, weiss Hermann Rappe so recht nichts zu sagen. Der Fundus seiner Erinnerungen, aus dem er sich sonst gern bedient, gibt keine Antwort her. "Nein", sagt Rappe nach langem Nachdenken, Fehler habe er keine gemacht, zumindest nicht als Gewerkschafter - bis, vielleicht, auf einen. Damals, Mitte der Siebziger, habe er "die Gefährlichkeit einer bestimmten Gruppierung unterschätzt". Gemeint sind jene "linken Kräfte", die er ein paar Jahre später aus der IG Chemie gejagt hat, und zwar endgültig. Eine kurze Unachtsamkeit im lebenslangen Kampf gegen die Kommunisten (oder wen er dafür hielt), sonst hat Hermann Rappe sich nichts vorzuwerfen.

Es fällt schwer, Rappe nicht um seine innere Ruhe zu beneiden. Während andere Gewerkschafter sorgenvoll über Zustand und Zukunft ihrer Organisationen nachgrübeln, ist er mit sich und seiner Welt zufrieden. Auf dem Gewerkschaftstag in der kommenden Woche wird er nach fast dreizehn Jahren den Vorsitz der IG Chemie-Papier-Keramik an Hubertus Schmoldt weiterreichen. Gewisse Probleme sind dann nicht mehr die seinen. Etwa, ob die IG Chemie ohne Hermann Rappe überhaupt denkbar ist. Denn keine andere Gewerkschaft ist so auf eine Person ausgerichtet, keine andere hat sich aber auch so sehr der autoritären Führung ihres Chefs gebeugt.

Mit Hermann Rappe verlieren die Gewerkschaften, nach Franz Steinkühler und Monika Wulf-Mathies, ihr letztes wirklich bekanntes Gesicht. Der Abgang des bald 66jährigen vollendet aber auch einen fast säkularen Generationswechsel innerhalb des DGB. Rappe ist unter den wichtigen Gewerkschaftsführern der letzte des alten Schlages. Er stamme, sagt er, "aus einem tief in der Wolle gefärbten sozialdemokratischen Millieu". Seine Urgrosseltern gehörten, und darauf ist er stolz, in seiner Heimatstadt Hannoversch Münden zu den Gründern der SPD, der Konsumgenossenschaft und der Gewerkschaft. In der Familie Rappe sei es selbstverständlich gewesen, in "der Partei" zu sein. Zugleich ist er ein typischer Vertreter der bundesrepublikanischen Industriearbeiterschaft. Das Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft und "zum Standort Deutschland" gehört ebenso zu seinen Antrieben wie der tiefsitzende Hass auf alles "Kommunistische".

Er habe, sagt Rappe zur Erklärung, "einen historischen Tick". Tatsächlich reichen die Wurzeln seines Denkens weit in die Vergangenheit. 1983 zum Beispiel kam es im Bundesvorstand des DGB zu einem heftigen Streit um einen Aufruf gemeinsam mit der DKP anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Machtergreifung Hitlers. "Mit mir, habe ich gesagt, fasst keiner einen Beschluss, mit Kommunisten zusammen an die Verteidigung der Demokratie zu erinnern." Und zwar, weil er "immer das Bild vor Augen hatte, wie beim Berliner Verkehrsstreik 1932 Ulbricht und Göbbels gemeinsam auf dem Podium sassen". Damals war Hermann Rappe drei Jahre alt.

Es habe in seinem "politischen Leben eigentlich nur zwei Glücksmomente gegeben: den Zusammenbruch des Nationalsozialismus und den Zusammenbruch der DDR". Dass manche seiner DGB-Kollegen durchaus Wehmut empfunden haben angesichts des gescheiterten sozialistischen Experiments, habe ihn "sehr verwundert und auch geärgert". Das Wort Ärger fällt häufig, wenn er über die Genossen redet.

Für Ärger hat der rechte Sozialdemokrat im eigenen Lager allerdings selbst gesorgt wie kaum ein zweiter - nicht nur als Bundestagsabgeordneter (seit 1972), der sich am Ende der Ära Helmut Schmidt ebenso für die Raketennachrüstung stark machte wie später für eine Änderung des Asylrechts und heute gegen eine ökologische Steuerreform. Als andere Gewerkschaften noch auf Konfrontation setzten und sich weiter als "Gegenmacht" profilieren wollten, setzte Rappe auf die "Sozialpartnerschaft", ein Konzept des Gebens und Nehmens. Als Mitte der siebziger Jahre die Arbeitnehmerorganisationen das Prinzip der Montanmitbestimmung auch auf andere Branchen ausweiten wollten, gab Rappe sich mit weniger zufrieden. Als die IG Metall für die 35-Stunden-Woche kämpfte, fädelte er zusammen mit Arbeitsminister Norbert Blüm die Vorruhestandsregelung ein - kürzere Lebensarbeitszeit und nicht eine kürzere Wochenarbeitszeit war sein Ziel.

Vor anderthalb Jahren liess die IG Chemie eine Bezahlung unter Tarif bei Neueinstellungen ebenso zu wie einen Arbeitszeitkorridor, der auch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche möglich macht - das eine wie das andere ein Sakrileg. Heute kämpft die IG Metall gegen eine Ausweitung der Wochenendarbeit, Rappe hingegen zeigt sich bei allen Formen der Flexibilisierung "gesprächsbereit", solange nur diese Diskussion nicht missbraucht werde, um den Einfluss der Gewerkschaften zurückzudrängen. "Kungler", "Mauschler", "Arbeiterverräter" musste er sich schimpfen lassen. Gekränkt, gar verunsichert, behauptet Hermann Rappe, habe ihn dies nie. "Aber geärgert hat es mich schon."