KIEL. - Ist die SPD verrückt? Leidet sie im schleswig-holsteinischen Kiel an Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung, Verblendung? Einige meinen das und sagen es auch.

Was haben die Genossen an der Förde getan? Sie haben dem "mächtigsten Mann Schleswig-Holsteins" eine erneute (siebente) Kandidatur für den Landtag verwehrt. Der Gestürzte heißt Gert Börnsen und ist, noch, Fraktionsvorsitzender im Parlament von Schleswig-Holstein. "Warum macht eine Basis so was", schluchzen Teile der Landespresse und jonglieren zwischen Journalismus und persönlicher Betroffenheit, "das kostet die SPD ihre Mehrheit." Ja, warum? Grassiert in Kiel eine besondere Form politischen Jakobinertums?

Wohl nicht. Die vielgescholtene Basis hat einfach für einen anderen Kandidaten votiert, der ihr geeigneter schien, die SPD im anstehenden Landtagswahlkampf zu vertreten. Im Gegensatz zur Führungsriege der Partei mußten nämlich die Genossen, die im richtigen Leben wirklichen Berufen nachgehen, immer häufiger von Freunden und Kollegen hören, zu was für einer Belastung sich der Fraktionsvorsitzende entwickelt hatte. Entgegen den Beteuerungen der SPD-Führung interessieren sich die Menschen in Schleswig-Holstein nämlich durchaus für die Frage, die die "Schubladenaffäre" aufgeworfen hat: War die SPD im Engholm-Barschel-Wahlkampf 1987 allein das unwissende Opfer finsterer CDU-Machenschaften, oder wußte sie schon recht früh von den gegen Björn Engholm gerichteten Aktivitäten des Barschel-Referenten Reiner Pfeiffer, für den der ehemalige Sozialminister Günther Jansen, bewährter Sozialdemokrat, später so gro ßzügig Geld in seiner Schreibtischschublade sammelte? Gert Börnsen hat als Fraktionschef oft genug die "Barschel-Keule" gegen eine zerknirschte CDU-Opposition geschwungen; aber seit man sicher sein kann, daß die SPD mit ihrem Wissen über die Pfeiffer-Aktionen "aktive Pressearbeit" betrieb, stand er für einen moralisch angreifbar gewordenen Machtanspruch.

Den allerdings vertrat er energisch: Wer, etwa als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß zur Affäre, die Opferrolle der SPD durch andersgelagerte Erinnerungen relativierte, wurde schnell selbst zum Opfer heftiger Börnsen-Attacken; wer zweifelte, war ein "Vorverurteiler" und hatte vom "Gift des Unglaubens" getrunken.

Den Unglauben zu zerstreuen, trachtete Gert Börnsen auf mehreren Funktionärsversammlungen, Kreis- und Landesparteitagen der SPD. Viel Unmut und Kritik schlug ihm bei diesen Veranstaltungen entgegen; daß es eine wachsende Gruppe von Parteimitgliedern gab, die sich für dumm verkauft fühlten, kann ihm nicht entgangen sein. Ebensowenig sollte er übersehen haben, daß die SPD in Kiel seit 1993 (Schublade) zwanzig Prozent ihrer Mitglieder verloren hat, zwanzig Prozent!

Der erfolgreiche Börnsen-Bezwinger Jürgen Weber, mit vierzig Jahren Mitglied in der Altherrenmannschaft seines Handballvereins, aber nach Maßstäben der 68er-SPD ein "junger Mann", wußte seinerseits, daß er mit seiner Kandidatur für Aufklärung (der Affäre), Erneuerung (der Partei) und saubere Verhältnisse gegen große Teile des SPD-Establishments antrat. Gerade das hat ihm wohl die Sympathie vieler jüngerer Genossen eingebracht, denen sich die Parteioberen in den sieben Jahren ihrer Kieler Regierungszeit allzuschnell allzugemütlich eingerichtet haben.

Die "Basis", häufig genug von Börnsen für seine Zwecke zitiert, registrierte erfreut, daß sie mit dem neuen Verfahren der Kandidatenaufstellung in Mitgliederversammlungen tatsächlich ziemlich funktionärsunabhängig entscheiden kann. Sie entschied: Am 13. Juni schlug Historiker Weber Politiker Börnsen mit 77 zu 72 Stimmen. Entsetzen! Bestürzung! Gefährdung der Regierungsfähigkeit! Komplott des Börnsen-Gegners und SPD-Bundestagsabgeordneten Norbert Gansel, für den Weber einmal gearbeitet hatte!