Er hat damit gerechnet: "Und dann werd' ich ja noch operiert, ziemlich bald schon. Du mußt wissen, ich hab' ein großes Loch im Herzen." - "Wie bitte?" - "Doch, doch, im Ernst", sagt er und tut ganz gelassen dabei. Die Szene spielt im Auto. Wolken explodieren, Regenmassen schlagen gegen die Scheibe. Wir warten, bis alles vorüber ist. Thomas Strittmatter nimmt einen tiefen Schluck aus der Bierflasche. Seine Worte wirken schwer und kommen dennoch seltsam dahergetanzt, fliehen an einem vorüber, eh' man sie fassen kann. Vielleicht ist ja alles nur ein schneller Witz, wer weiß. Eine hinterhältige Strittmatter-Pointe. Haben sie nicht alle ein großes Loch in ihrem Herzen, Raabe und der Taubstumme, das Polenmädchen und der traurige Viehjud mit Namen Levi, die munteren Überlebensbrüder Moshe und Isaak und all die anderen Todeskünstler, lauter geistreiche Wortakrobaten, die sich zwischen dicken Buchseiten verbergen und auf schmalem Zelluloid tummeln?

Er hat es sicher ernst gemeint, im frühen Juni dieses Jahres, irgendwo in einem tiefen Schwarzwaldtal. Es ist der letzte Drehtag von "Die Straße des Augias", einer Fernsehfilm-Produktion für den Südwestfunk. Strittmatter hat das Drehbuch geschrieben, Didi Danquart von der Freiburger Medienwerkstatt die Bilder dazu erfunden. Zwei Brüder streiten um den Landgasthof des Vaters. Und lieben sich heiß und innig. Währenddessen ist draußen der Stau, von morgens bis abends. Fremde Menschen begegnen einander. Nichts bleibt so, wie es war, alles fügt sich neu zusammen. Am Ende sitzen sie allesamt auf einem Traktor und sind irgendwohin unterwegs, die Brüder und ihr alter Vater, die schwäbische Kleinunternehmerin und der afrikanische Insektenforscher, die russische Lkw-Fahrerin und ihr spanischer Kollege, all die Exoten von nah und fern. Die Komödie ist subtil und vordergründig zugleich. Sie wurde von dem jahrzehntelangen Streit der Schwarzwälder um den Bau der B 31 Ost, einer neuen Bundesstraße, inspiriert. Und hat kaum noch etwas damit zu tun.

Strittmatter wurde in St. Georgen im Schwarzwald geboren. Er studierte an der Karlsruher Kunstakademie, schrieb schon als Schüler Berichte und Kritiken und drückte einst Matthias Spranger, seinerzeit weitsichtiger Literaturredakteur im SWF-Landesstudio in Freiburg, ein unscheinbares Manuskript in die Hände. Es hieß "Viehjud Levi" und handelte von braunen Nazi-Gespenstern, die sich in ein düsteres Schwarzwaldtal verirrten. Daraus wurde ein meisterhaftes Hörspiel. Das Hörspiel wurde ein paar Jahre später für das Theater entdeckt. Eine Freiburger Inszenierung (Regie: Kai Braak) gastierte 1986 beim Berliner Theatertreffen.

Strittmatter aber ging dem Theater, nach weiteren Erfolgen, vor allem mit "Polenweiher" (1983), der gewaltvollen Geschichte eines Bauern und einer polnischen Fremdarbeiterin, für lange Zeit verloren. Die tiefe Provinz und ihre vergessenen Klänge, der helle Witz, der stumme Tod und ein betäubtes Schweigen - darum ging es in seinen frühen Stücken. Sie machten ihn schnell berühmt. Für seine Erfolge wurden sogleich illustre Vorbilder bemüht, früh Gerühmte wie er selbst, der junge Kroetz zum Beispiel oder der heftig pubertierende Bertolt B. in seiner Augsburger Dachstube. Seinen Abschied von der Bühne vollzog er auf selbstbewußte Weise, planvoll und lautlos, nicht ohne dem Betrieb den verbalen Todesstoß zu versetzen: "In jedem Roßapfel tummelt sich mehr Leben, paaren sich Würmer, schlüpfen Maden und teilen sich unter Geruchsentwicklung Bakterien, vollzieht sich mit Sicherheit mehr Sinnlichkeit als auf den edelfaulen Brettern unseres staatstragenden Theaters."

Sein Werk flieht in viele Gattungen, vom atemlos-virtuosen Schelmen-Roman ("Raabe Baikal", 1990) bis zum ausgereiften Filmdrehbuch. Seine Helden aber sind Verwandte einer einzigen, großen Familie. Ein jeder hat ein anderes Päckchen zu tragen. Sie sind Irrende aus freien Stücken, Romantiker aus vollem Herzen. Mitunter fehlen ihnen ein paar Gliedmaßen, versagen einzelne Sinne. Letztlich aber ergeht es ihnen wie dem Taubmann in "Raabe Baikal", ist das Defizit weniger ein Stigma als ein zwingender Gewinn für das eigene Leben. Wer nicht hört, schmeckt mit der Zunge und lernt die Welt nach ihren Gerüchen zu unterscheiden. Das unterscheidet ihn, läßt ihn manch anderen auf seine Weise überflügeln.

Unaufdringliche Vollkommenheit erlangen Strittmatters Halbwesen in seinen Drehbüchern. Stets reden sie sanft aneinander vorbei. Und finden dennoch auf geheimnisvolle Weise zueinander. Der Autor hat sie mit seiner Liebe ausgestattet. Keiner kann ihr entrinnen. Für manchen Regisseur war er ein Glücksfall, allen voran für Jan Schütte, der ihm die Filme "Drachenfutter" und zuletzt "Auf Wiedersehen Amerika" (1994) verdankt. Strittmatter wurde, wie kaum ein anderer seiner Generation, mit Ehrungen überhäuft, dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zum Beispiel oder dem Bayerischen Filmpreis. Er hatte, in den vergangenen Monaten, sein Leben neu sortiert, spielte mit dem Gedanken, den Diogenes-Verlag zu verlassen und zur Frankfurter Verlagsanstalt des jungen Unseld zu wechseln. Die Vorfinanzierung seines zweiten Romans wäre auf diese Weise gesichert gewesen.

Andrea Breth wollte ihn als Hausautor für die Schaubühne gewinnen. Und für den Südwestfunk war, unter der Regie von Didi Danquart, eine Komödie über einen Feinschmecker in Planung: "Der Bauch".