Auf dem deutschen Aktienmarkt ist überraschend noch einmal Hoffnung auf sinkende Zinsen aufgekommen. Dabei denkt kein Börsianer an eine weitere Rücknahme von Diskont und Lombard. Im Mittelpunkt der Spekulationen steht vielmehr eine Äußerung von Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, der einen Rückgang des Zinssatzes für Wertpapierpensionsgeschäfte auf vier Prozent für möglich hält. Das hat nicht nur den Aktienmarkt mit neuer Zuversicht erfüllt, sondern auch am Rentenmarkt die Kurse nach oben getrieben. Die durchschnittliche Umlaufrendite öffentlicher Anleihen ist in die Nähe ihres bisherigen Jahrestiefstands gesunken. Das nutzen derzeit die Schuldner, um sich mit preiswertem Kapital einzudecken. Milliardenanleihen werden derzeit am laufenden Band aufgelegt. Bei vielen ist die Laufzeit allerdings nicht länger als fünf Jahre. Langläufer sind nach wie vor nicht gefragt.

Obwohl immer mehr Analysten vom Erwerb von Bankaktien abraten, haben auch deren Kurse in den vergangenen Tagen von der besseren Börsenstimmung profitiert. Eine Ausnahme bildeten die Commerzbank-Papiere. Sie litten zunächst unter der angekündigten Kapitalerhöhung, die dem Institut etwa eine Milliarde Mark in die Kasse bringen soll. Zum anderen wurde der Commerzbank-Kurs zeitweise durch den Umstand belastet, daß der Steuerfahndung eine Liste von Kundendaten ihrer Luxemburger Tochter in die Hände gefallen ist. Auch die Übernahme von Thyssen-Aktien aus dem Besitz der Grafen Zichy-Thyssen ist von der Börse nicht unbedingt als Grund für eine Hausse empfunden worden.

Unter den Streiks in den VW-Werken hat der Kurs der Volkswagen-Aktie nicht gelitten. Stabil und widerstandsfähig erwiesen sich auch die Notierungen der übrigen Autoaktien, wobei die Käufer im verborgenen bleiben. Bei den ebenfalls gut gehaltenen Versorgungs- und Großchemieaktien ist die Benennung der Erwerber schon eher möglich. Interesse sollen hier vor allem Aktienfonds zeigen, die sich frühzeitig Mittel für spätere Ausschüttungen sichern wollen. Renditen zwischen vier und fünf Prozent, wie sie in diesen Bereichen geboten werden, sind am deutschen Aktienmarkt selten geworden.

Bei ihren Käufen gehen institutionelle Anleger behutsam vor. Nur wenige Börsianer sehen derzeit die Möglichkeit, daß der Markt plötzlich zulegt. Das könnte sich ändern, wenn der September-Verfallstag der Deutschen Termin-Börse heranrückt. Bis dahin ist ein Abbröckeln der Kurse nicht auszuschließen.