In einem offenen Brief haben eine Reihe von Verlagen (darunter Droemer Knaur, Eichborn, Emma, Ahriman, Diogenes, Kunstmann, Kiepenheuer & Witsch, Maro, Hoffmann & Campe, Steidl und Wagenbach) sowie Autoren und Künstler den Bundespräsidenten zum Verzicht auf seine Lobrede aufgefordert. Roman Herzog solle davon Abstand nehmen, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel zu überreichen. Die Liste der Unterzeichner ist lang - und dürfte noch länger werden. Auf ihr finden sich schon jetzt Namen wie Jurek Becker, Daniel Cohn-Bendit, Jürgen Flimm, Ralph Giordano, Günter Grass, Jürgen Habermas, Dieter Hildebrandt, Elfriede Jelinek, Ruth Klüger, Reinhard Lettau, Sigrid Löffler, Herta Müller, Bahman Nirumand, Uta Ranke-Heinemann, Lea Rosh, Peter Schneider, Johannes Mario Simmel, Rosemarie Trockel, Günter Wallraff und Peter Zadek.

Die Unterzeichner sehen in den Äußerungen der Professorin ein deutliches Votum für den muslimischen Fundamentalismus, und sie fragen Präsident Herzog: "Wann und wo hätte Annemarie Schimmel auch nur ein einziges Mal protestiert gegen die furchtbaren Verbrechen an Musliminnen und Muslimen in den Staaten, von deren fundamentalistischen, totalitären Herrschern sie - wie in Pakistan und im Iran - königlich hofiert wird?"

Die Vergabe des Friedenspreises an Frau Schimmel wäre, so die Autoren des offenen Briefes, "nicht nur Hohn für bisherige Friedenspreisträger wie Martin Buber, Ernst Bloch, Gräfin Dönhoff, Amos Oz und Jorge Semprun, die für die Freiheit des Individuums gestritten und Verfolgung in Kauf genommen haben". Herzog würde mit der Ehrung von Frau Professor Schimmel auch "ein Zeichen setzen für Schwärmen statt Begreifen, Verdunklung statt Erhellung, Realitätsleugnung statt Mitfühlen mit Opfern".

Wer glaubte, der Börsenverein habe in der Person des Bundespräsidenten Roman Herzog einen Laudator gefunden, der die Kritik an der Preisträgerin zum Verstummen bringen würde, hat sich getäuscht. Die Vorstellung, man könne eine zweifelhafte Kandidatin hinter dem breiten Rücken des höchsten Amtsträgers der Republik an einer nur mäßig aufmerksamen Öffentlichkeit vorbei zu einer der wichtigsten kulturpolitischen Auszeichnungen der Bundesrepublik verhelfen, war abwegig. In demokratischen Gesellschaften gilt vielmehr das Prinzip: Je höher etwas gehängt wird, desto stärker setzt es sich der Kritik aus.

Bevor bekannt wurde, daß der Bundespräsident die Laudatio auf Frau Professor Schimmel halten würde, war die Ehrung nur eine Fehlentscheidung des Börsenvereins. Schon damals meldete sich Protest. Jetzt aber besteht die Gefahr, daß die Bundesrepublik selbst in den Ruch kommt, fundamentalistischen Irrationalismus zu prämieren. Jetzt wird der höchste Repräsentant der Bundesrepublik vor den Kameras der ganzen Welt nicht nur einträchtig neben einer Frau sitzen, von der aus den letzten vierzig Jahren kein einziges kritisches Wort über islamische Terrorregime bekannt ist; er wird in seiner Rede auch ehrende Worte finden müssen für sie. Er ist nicht eingeladen, seine Gedanken zum gedeihlichen Zusammenleben der großen Weltreligionen auszubreiten, sondern als Laudator von Annemarie Schimmel.

Das jedoch ist exakt das falsche Signal - gerade wenn man weiß, daß alles von dem Gelingen friedlicher Koexistenz unterschiedlicher Kulturen abhängt. Der israelische Friedenspreisträger Amos Oz erklärte, er "verstehe nicht, was Frau Schimmels Beitrag und ihr Engagement für Toleranz, Frieden und Menschenrechte und Freiheit sein soll". Das wird Bundespräsident Roman Herzog nicht nur Amos Oz erklären müssen.