BONN. - Die Nato spricht im Zusammenhang mit ihren Luftangriffen in Bosnien von Vergeltung für Greueltaten. Ziel der Operation ist aber offensichtlich die Zerstörung der militärischen Infrastruktur der Serben. "Endlich!" wird Joschka Fischer rufen und mit ihm alle, die ein militärisches Eingreifen in den Bürgerkrieg für moralisch unumgänglich halten. Dabei ist im Augenblick noch gar nicht sicher, ob die Nato die bosnischen Serben in Verhandlungen oder aber den Westen in einen Balkankrieg hineinbombardiert.

Die weitere Entwicklung hängt unter anderem davon ab, wie die Nato ihre Rolle versteht. Will sie als Kriegspartei die Serben besiegen und bestrafen? Oder will sie - parallel zur amerikanischen Förderung der kroatischen Aufrüstung - dazu beitragen, in dem zerrissenen Land als Voraussetzung einer Verhandlungslösung ein gewisses militärisches Gleichgewicht zwischen den Bürgerkriegsparteien zu schaffen?

Dieses Rollenverständnis hängt eng mit der Begründung der "humanitären Intervention" zusammen. Dabei klammere ich den Grundsatzstreit der Grünen aus. Denn so wenig heute mit dem Einsatz von Gewalt zum Positiven bewegt werden kann - siehe nur Vietnam, Afghanistan, Somalia -, auf die Option zur gewaltsamen Gegenwehr gegen den Mißbrauch von Gewalt kann unsere Außenpolitik bei noch so gutem Willen nicht verzichten. Jede Entscheidung für oder gegen eine Gegenwehr bedarf aber einer genauen Abwägung und Begründung - auch bei Interventionen in einem Bürgerkrieg.

Joschka Fischer hat es angesichts der Greueltaten der bosnischen Serben - Stichwort Srebrenica - für notwendig erklärt, dem "Balkan-Faschismus" mit Gewalt entgegenzutreten. Freimut Duve hat in dieser Zeitung in Anspielung auf Auschwitz im Zusammenhang mit der Behandlung der Bewohner Srebrenicas von der "Rampe" und von "Selektion" gesprochen. Ist das zulässig?

Faschismus hat es auf dem Balkan zur Zeit des "Dritten Reiches" gegeben, in Kroatien. Die Greueltaten der kroatischen Ustascha, Seite an Seite mit der deutschen SS begangen, haben die Serben sowenig vergessen wie die Kroaten die Grausamkeiten serbischer Tschetniks. Diese Verbrechen sind eine der Quellen gegenseitigen Hasses. Zur Kennzeichnung der heute kämpfenden Volksgruppen taugt der Begriff "Faschismus" jedoch nicht. Wenn jede Greueltat, jede Vertreibung als "faschistisch" bezeichnet wird, war und ist die Welt voller "Faschismus". Er stand dann bei der Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße ebenso Pate wie beim Millionenmassaker Pol Pots in Kambodscha oder bei den Stammesmassakern unserer Tage in Ruanda und Burundi - die übrigens niemand so recht aufzuregen scheinen, obwohl ihnen noch mehr Menschen zum Opfer fallen als dem Bosnienkrieg.

Vergleiche mit der Judenvernichtung der Nazis sind historisch, politisch und moralisch verfehlt. In Auschwitz wurde weder ein Bürgerkrieg geführt noch überhaupt ein Interessenkonflikt ausgetragen. Dort war der verbrecherische Wahn einer selbsternannten "Herrenrasse" am Werk, andere Völker zu unterjochen, um die Juden zu vernichten. Das verbietet jede Gleichsetzung. Auch von der Empörung über die Kriegsverbrechen in Bosnien sollten wir uns nicht ins Lager von Ernst Nolte treiben lassen. Das Gerede vom "Balkan-Faschismus" ist samt dem aus ihm resultierenden "Bellizismus", wie das neue Modewort lautet, eine politische Fehlleistung.

Der moralisch-grundsätzliche "Bellizismus" verleitet zu der Forderung, Kriegspartei zu werden, um die Serben niederzuringen. Damit ist er so unpolitisch wie der idealistische Pazifismus, dem er entspringt. Fischers Forderung, die Uno solle zur Verteidigung der sogenannten Schutzzonen auch Bodentruppen einsetzen, ist erstaunlich unrealistisch. Denn dazu ist die Uno strukturell gar nicht in der Lage. Sie hat Mühe genug, ihre Blauhelme zu schützen.