Keine alltägliche Familie: Der Alte ist General der Volkspolizei, die Tochter im Baudezernat Architektin, der Sohn Hauptmann bei der Stasi. Das riecht nach Nomenklatura. Da aber alles zur Zeit der Götterdämmerung der DDR spielt und die Stadt Leipzig heißt, ist der Familie ein Personal beigegeben, das den dramatischen Knoten schürzt: Dem General Albert Bacher - zu Beginn der Haupthandlung, 1985, schon ein Jahr tot - seine ergebene Frau Marianne, die mal ein Verhältnis mit einem Republikflüchtling hatte. Der Tochter, Astrid Protter, steht ein friedlich mitlaufender Ehemann zur Seite, beschäftigt irgendwo in einem der Feld-Wald-Wiesen-Betriebe der DDR. Und dem Stasi-Hauptmann Alexander Bacher läuft ein himmlisch-schnuckeliges Wesen namens Claudia Engelmann über den Weg, das sich in der Umweltbewegung der DDR engagiert hat. Sie alle haben wieder Freunde und Bekannte, darunter jede Menge friedensbewegter Pfarrer, ein paar "Inoffizielle Mitarbeiter" der Stasi (prominentester ein Rechtsanwalt Schnuck), kurz jeder kennt irgendwie jeden im Ländle, alle zusammen bilden sie ein Biotop, das geradezu prototypisch für die gewesene DDR ist.

Alles in allem eine reichlich abgedroschene Konstellation - dennoch ist das Buch mehr als Kolportage. Man braucht eine Weile, bis man begreift, wie Erich Loest es vermeidet, seine Chronik der letzten Jahre ganz und gar in die Niederungen des Kitsches zu lenken. Die Hauptarbeit dabei leistet die Geschichte selbst, die der 1926 in Sachsen geborene Autor nüchtern erzählt und in der Pathos und revolutionärer Schwung ganz fehlen. Dazu kommen die literarischen Kunstgriffe: Der Stasi-Hauptmann ist kein dämonischer Bösewicht, sondern einer jener leicht dicklichen Bürohengste, Handlanger der Macht, wie sie in Deutschland Tradition haben. Er beklagt verdrießlich die zunehmende Schlampigkeit der DDR-Gesellschaft, die allmählich auch auf die Arbeit der Stasi abfärbt. Angesichts der Dämlichkeit einiger IM könnte er aus der Haut fahren. Seine Vorgesetzten sind zwar sakrosankt, aber über ihre "Laschheit" ist er doch tief entsetzt. "Durchgreifen" müßte man, wie damals beim 17. Juni. Doch freilich ist da der große Bruder im Osten, der nicht mehr recht mitziehen will . . .

Verharmlost Loest die Stasi? Gewiß nicht. Er malt sie nur nicht schwarz in schwarz. Wer glaubt, die Stasi literarisch gewissermaßen ständig bei Manifestationen ihrer Allmacht ertappen zu müssen, hat wenig von der vielberufenen "Banalität der Macht" begriffen. Andererseits sind auch die Gegenspieler von der Opposition keine reinen Lichtgestalten. In den oberen Rängen nicken die Pfarrer salbungsvoll lieber einmal zuviel als zuwenig, manche Kirchenleute kungeln mit Partei und Staat und wollen eher die Einrichtung Kirche retten als die Menschen, die sie eigentlich erst ausmachen. Unten werkeln sie wacker am Weinberg des Herrn. Eine Handvoll sind es, die wirklich Respekt abnötigen: Pfarrer, die mutig alle verteidigen, die bei ihnen Schutz suchen, die die Kirchen zu Stätten einer gewaltlosen Opposition machen. Loest zeigt, wie schwierig ihre Stellung war. Der Titel des Buches ist schließlich Programm: "Nikolaikirche".

St. Nikolai ist Synonym für etwas, das über den Staat hinausreicht, und genau daraus bezieht der Roman seine Kraft - ungeachtet aller Momente des Kitsches. Erich Loest ist ein genauer Kenner seiner Stadt. Weder ihre Licht- noch ihre Schattenseiten sind ihm fremd. Er hat ihren Verfall genau protokolliert, hat die Ausweglosigkeit zuverlässig eingefangen, mit der die DDR zeit ihrer Existenz mal mehr, mal weniger zu kämpfen hatte. Erich Loest erzählt weniger Geschichte als Geschichten: retrospektive, gegenwärtige, imaginierte. Sie überfrachten das Buch. Es gibt keinen der grundlegenden, antagonistischen Konflikte der früheren DDR, der nicht irgendwo und irgendwie auftaucht. Oder zumindest beredet wird. Dabei legt Loest Handlungsfäden, die später nicht wieder aufgenommen werden. Es gibt eine interessante Passage, in der die Unterhaltung eines höheren Berliner Stasi-Offiziers mit Rechtsanwalt Schnuck geschildert wird. In kryptischer Rede wird dort eine langfristige Strategie bestimmter Stasi-Kreise angedeutet, die Oppositionsbewegungen der DDR so zu unterwandern, daß man sie auch später - was heißt später? - steuern könnte. Wer sich daran erinnert, daß dies im Falle Ibrahim Böhme fast geklappt hätte, dankt noch heute dafür, daß die Stasi-Akten zugänglich sind und offen gehalten werden. Loest allerdings läßt den Faden fallen. Schien das Ganze dem Autor doch zu unheimlich? Gerade die Erfahrungen Erich Loests mit der Stasi, die ihn nicht nur für sieben Jahre, von 1957 bis 1964, ins Zuchthaus brachte, sondern auch lückenlos bis zu seiner Ausreise 1981 überwachte, ließen wünschen, er wäre etwas ausführlicher geworden.

Nicht sehr gnädig geht er mit einem bestimmten Typ des West-Intellektuellen um, der vor lauter Entspannung nicht mehr die Wirklichkeit der DDR wahrnehmen wollte - oder durfte. Zwar schildert er diese Spezies ohne Häme, sogar mit einer gewissen Sympathie, Verständnis bringt er nicht für sie auf.

Zu warnen ist davor, das Buch als Schlüssel- oder gar Tatsachenroman zu lesen. Loest hat - wie schon in seinen Büchern "Völkerschlachtdenkmal" oder "Zwiebelmuster" - ohne Zweifel viel dokumentarisches Material verwendet, Handlung und Personen jedoch sind weitgehend Fiktion. In Pfarrer Ohlbaum glaubt man Züge von Christian Führer zu erkennen, einen der bekanntesten Pfarrer von St. Nikolai; natürlich taucht auch Kurt Masur auf, aber das sind im Grunde schon fast willkürliche Zuordnungen. Loests Figuren sind typisiert, sie personifizieren bestimmte Handlungs- und Denkweisen. Mag sein, daß der Schriftsteller hier noch mit Rudimenten des weiland sozialistischen Realismus zu kämpfen hat.