Die internationalen ökologischen Proteste - erst gegen Shell, dann gegen Chirac - experimentieren mit der Frage: Wie können Einzelpersonen teilhaben an den politischen Entscheidungen im Rahmen der Weltgesellschaft? Die verblüffende Antwort lautet: Nicht durch das Europaparlament, nicht durch eine zweite Kammer in den Vereinten Nationen - sondern durch Tanken, Segeln, Weintrinken, Einkaufen.

Shell ist in die Knie gezwungen worden, weil viele bei Aral tankten, die hinterher trotz gestärkten Ökobewußtseins weiter über die Autobahn rasten. Der französische Präsident Chirac geriet ins Schwitzen, weil die Japaner keinen Champagner mehr trinken und eine "Friedensflotte" nach Mururoa segelt. Das Verblüffende daran ist: Im ganz normalen Alltagshandeln liegen also Chancen der politischen Mitwirkung. Diese Formen der Partizipation wirken überdies direkt, also unter Umgehung von Parteien, Parlamenten und Regierungen; sie führen schließlich zur individuellen Beteiligung an globalen politischen Entscheidungen. Hier zeigt sich in ersten Umrissen eine neue Konstellation transnationaler Politik.

Ein historischer Rückblick hilft, das Neuartige zu verstehen: Der Staatstheoretiker Thomas Hobbes plädierte für einen starken autoritären Staat. Selbst er akzeptierte ein Widerstandsrecht der Bürger, und die Formulierungen, die er dabei verwendete, nahmen sozusagen die ökologische Krise unserer Tage vorweg. Wenn ein Staat, so Hobbes, lebensgefährdende Verhältnisse erzeugt oder duldet, in denen der Bürger "sich der Nahrungsmittel, der Arznei, der Luft und dessen, was sonst zur Erhaltung des Lebens nötig ist, enthalten soll, steht es dem Bürger frei, das zu verweigern".

So gesehen kann man in der sträflichen Vernachlässigung der Ökologie eine systematische Verletzung von Grundrechten erkennen. Bei der ökologischen Krise handelt es sich um eine Grundrechtskrise, die unsere Gesellschaft mit Langzeitwirkung erschüttern und um die Stabilität bringen kann. Riesige Gefahren werden zunächst industriell erzeugt. Alsdann werden sie ökonomisch externalisiert - die Kosten werden niemandem zugerechnet. Unterdessen werden die Entscheidungen darüber juristisch individualisiert, naturwissenschaftlich legitimiert und politisch verharmlost. Wie sehr auf diese Weise die Glaubwürdigkeit und die Macht der Institutionen zerfallen, trat zum Teil in den beiden öffentlichen Nagelproben hervor, die von Greenpeace inszeniert wurden: die Politisierung der Weltgesellschaft.

Im Unterschied zur Regierungspolitik und dem Handeln der Parteien soll hier von Subpolitik die Rede sein. Es geht also erstens um eine Politik jenseits der repräsentativen Institutionen des nationalstaatlichen Systems; zweitens um eine massenhafte Selbstorganisation von Individuen, von der tendenziell alle gesellschaftlichen Handlungsfelder in Bewegung gesetzt werden können; drittens dreht es sich um eine direkte Politik, die oft ohne jede rechtliche Sicherung betrieben wird.

Angesichts dieser Entwicklung fragen sich viele: Werden nicht grundlegende Regeln der (Außen-)Politik durchbrochen, wenn ein unautorisierter Akteur wie Greenpeace seine eigene Weltinnenpolitik ohne Rücksicht auf nationale Souveränität und diplomatische Normen betreibt? Morgen kommt vielleicht die Moon-Sekte und übermorgen die nächste private Organisation, die alle auf ihre Weise die Allgemeinheit beglücken wollen.

Dabei wird verkannt: Nicht Greenpeace hat den Ölkonzern in die Knie gezwungen, sondern der massenhafte Boykott der Bürger, angestoßen allerdings über die von Greenpeace inszenierte und weltweit übermittelte Fernsehanklage. Greenpeace allein könnte das politische System gar nicht erschüttern, aber Greenpeace bringt das längst entstandene Legitimations- und Machtvakuum des politischen Systems zum Vorschein, das in manchen Zügen durchaus an den Zerfall des politischen Systems in der DDR erinnert.