Selbst der unermüdliche Wanderer Fontane machte um diesen Teil der Mark Brandenburg einen Bogen: Die Prignitz ist bis heute unbekannte Provinz in der Mitte Deutschlands. Zwischen Elbe und Dosse gelegen, bildet sie die Nordwestspitze Brandenburgs. Hier sind die Städte Wittenberge, Pritzwalk, Wittstock und Havelberg zu finden. Industrie gibt es nicht mehr. Vor allem Wälder und Flußlandschaften prägen das Gebiet, das als eigene Region, als Prignitz, kaum wahrgenommen wird: eher als durchfahrener Raum auf dem Weg nach Berlin.

Das war um 1930 kaum anders, als die Prignitz von der deutschrussischen Zeichnerin Tamara Ramsay erwandert wurde. Die ehemalige Lehrerin schuf anschließend ein Kinderbuch, das in der Art des "Nils Holgersson" die Prignitz darstellt. Im Mittelpunkt ihres Werks "Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott" steht ein Mädchen, das verzaubert wird. Weil ihr in der Johannisnacht eine bestimmte Blüte in den Schuh gefallen ist, wird sie für Menschen unsichtbar, kann sich aber mit den Tieren verständigen.

Auf ihrer Reise durch die Prignitz erlebt die kleine Dott visionsartig die Vergangenheit der von ihr besuchten Orte. Dabei vermischt die Autorin Geschichte mit märkischen Sagen zu einer faszinierenden Erzählung; die Prignitz erscheint darin als "Brücke zwischen den Völkern", als Region, auf die germanischer und slawischer Einfluß gleichermaßen gewirkt hat. Dies drückt sich auch in der Gestalt der kleinen Dott aus, deren Vater aus Westdeutschland stammt, während die Mutter als Kind wendischer Eltern im Spreewald geboren wurde. Aus der Rückschau sagte Tamara Ramsay, sie habe das 1938 erschienene Buch geschrieben, um "dem Rassenwahn und Völkerhaß entgegenzuwirken".

Wer heute auf den Spuren des verzauberten Mädchens die Prignitz durchwandert, wird auch nach fast sechzig Jahren viel von dem wiederfinden, was im Buch geschildert ist. Der verwunschene Burggarten in Lenzen, einer Kleinstadt an der Elbe, sieht mit seinen zerbröselnden Putten und den verwilderten Wiesen aus wie auf den Zeichnungen Tamara Ramsays, die dem Buch beigegeben sind. Wer dazu das Glück hat, auf Kerstin Beck zu treffen, die das Heimatmuseum in der Burg leitet, wird viel über die Prignitz und Tamara Ramsays Hauptfigur erfahren.

Wenige Kilometer entfernt liegt das Heimatdorf der kleinen Dott mitten im 1990 eingerichteten Naturpark Elbtalaue. Zwei miteinander verbundene Seen prägen mit ihren schilfbewachsenen Ufern und ihren Reiherkolonien das Bild. Jetzt jedoch gibt es Überlegungen, am Ufer des Rudower Sees einen Aqua-Park zu errichten, eine künstlich-tropische Wasserlandschaft, dazu 800 Wohnungen für Kurzurlauber, wovon sich Wirtschaftsförderer dieser von Arbeitslosigkeit gezeichneten Region einen Anschub versprechen. Was dies für den Naturpark bedeuten würde, liegt auf der Hand: Gurian, der Fischreiher, der beste Freund der kleinen Dott unter den Tieren, müßte sich mit seinem Stamm andere Nistplätze suchen; der Reichtum an inzwischen selten gewordenen Tierarten wäre Belastungen ausgesetzt.

Der Weg führt auch durch die Lenzer Wische, das Feuchtgebiet zwischen Elbe und Löcknitz, wo sich heute umfangreicher Widerstand gegen den weiteren Ausbau der Elbe für die Schiffahrt regt. Das Mädchen kommt bis zum verschlafenen Dörfchen Mödlich mit seiner schönen Backsteinkirche. "Sie ist nur klein", schreibt Tamara Ramsay, "und ganz aus dem gebaut, was das Land selbst dazu hergeben konnte. Die Kirche liegt hinter dem Deich verborgen". Und dann meint sie: "Etwas Friedlicheres kannst du dir nicht vorstellen als das Vorland zwischen Deich und Strom im Herbst!"

Mitten im Wald, zwischen den Orten Wilsnack und Kletzke, liegt die Plattenburg, ein wuchtiges, rotgedecktes Gemäuer mit Burggraben und Innenhof. Auf ihrem Weg nach Havelberg kommt die kleine Dott hier vorbei und muß ein gefährliches Abenteuer überstehen. Der Rittersaal der Plattenburg, in den Dott sich vor einem großen Uhu flüchtet, wird im Buch so genau beschrieben und gezeichnet, daß bei einem Besuch die Übereinstimmung mit der Realität frappiert: die schwere, dunkle Holztür, die merkwürdigen Fabelwesen aus Stein am Treppengeländer. Heute bemüht sich ein gemeinnütziger Verein um die Wiederherstellung und den Erhalt der Burg, zum Beispiel mit einem jener gutbesuchten "mittelalterlichen Spektakel".