Eine Geschichte von Mord und Totschlag, die Täter ganz in Weiß: Psychiatrie im "Dritten Reich". Als ich einen Fernsehauftrag bekomme, ahne ich nicht, daß es massenhaft neues Material gibt: Dokumente, Photos, Filme, ja Filme.

1940/41 ließen Ärzte den Film "Dasein ohne Leben" drehen. Sie stellten deformierte Menschen von der Ermordung zurück, um sie als Monster abzulichten. Sie filmten sogar eine Vergasung. Das Material galt als vernichtet. Acht Filmrollen fanden sich nach der "Wende" in einem DDR-Archiv.

Mediziner filmten und photographierten ihre Opfer zu pseudomedizinischen Zwecken, mitleidslos. Am letzten Drehtag entdecke ich in einer Klinik Photos von Kindern, die man verhungern ließ. Sie wurden in ihrer nackten Angst abgelichtet. Andere Aufnahmen zeigen "Forschungskinder", zwecks Karriere mit Tuberkulose infiziert. Sie verendeten allesamt qualvoll. Über eines heißt es im Krankenblatt: "Als von ihrer Mutter die Rede ist, füllen sich die Augen mit Tränen."

Ein Filmdokument stammt aus dem Jahre 1937. Da wird in der Berliner Charité ein Mädchen vorgeführt. Die Kleine ist fast blind, hat eine Hirnschädigung. Im selben Jahr wird das Kind in der Fachpresse vorgeführt. Da steht dann, was sich über die Hirnleistungen "in vivo", also lebend, sagen lasse und was erst durch anatomische Untersuchungen herauszufinden sei.

Ganz am Ende meiner Recherchen, der Film ist bereits geschnitten, stoße ich auf den Sektionsbericht. Das Kind ist das erste Opfer einer Kindermordklinik. Die Leiche des menschlichen Versuchskaninchens wurde den Dokumenten zufolge "enthäutet und der enthäutete Körper zunächst fixiert". Drei Mediziner sind an diesem Fall beteiligt, alle drei finden wir nach 1945 als akademische Lehrer auf medizinischen Lehrstühlen.

Potsdam, Bundesarchiv. Vor mir liegt ein Aktenordner aus DDR-Beständen. Er enthält Weihnachtsgratifikationen für Kindermörder. Sogar die Postbelege sind abgeheftet. Da stehen die Namen bekannter Professoren und Direktoren, nach 1945 hoch dekoriert. Und ein paar Namen stehen da auch, die bis dahin nie als Täter bekannt waren. Ermittlungen sind eingeleitet.

Einer der Ärzte, der schon 1941 mit einer Weihnachtsgabe bedacht wird, ist der Wiener Dr. med. Heinrich Groß. Er steht November 1944 noch einmal auf der Vorschlagsliste, weil er im militärischen Urlaub, "einen guten Teil" der Arbeit in der Wiener Jugendpsychiatrie tätigt. Gegen den achtzigjährigen Groß ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Das bringt doch nichts, sage ich einem Wiener Psychiater, der gilt doch sofort als verhandlungsunfähig. Da lacht der Psychiater: "Das geht nicht, der arbeitet noch als Gutachter für die Justiz."