Zugegeben, die Wolken hingen tief.Zu tief für Rudolf Scharping.Mit dem Flugzeug hätte er zum Schleswig-Holstein-Treffen der SPD kommen sollen.Doch die gecharterte Bundeswehrmaschine war nur für den Sichtflug ausgerüstet, und am Wochenende nach dem Debakel bei der Haushaltsdebatte war zumindest der Himmel über Schleswig-Holstein undurchsichtig.Scharping mußte absagen."Der hat den Schwanz eingezogen", war da im Kieler Festzelt zu hören, und einige Genossen wähnten ihn gar auf dem Rückzug.Aber die Optimisten setzten sich durch: "Er wäre bestimmt gern gekommen, und vielleicht hätte er sogar ein bißchen Enthusiasmus verbreiten können." "Uns' Heide" riß die Stimmung der Genossen zwar noch hoch, aber tatsächlich hätte ein Austausch tröstender Worte sowohl Scharping als auch den Sozialdemokraten im Norden wohlgetan.Das Motto des Treffens: "Gute Luft, gute Laune".Landesvorsitzender Willi Piecyk wollte es in seiner Begrüßungsrede als ökologisches Signal verstanden wissen, als wolle er jeden Gedanken an die dicke Luft zerstreuen, die in der Kieler Parteizentrale steht.Es geht noch immer um die Aufarbeitung von Waterkantgate an no 1987: War die SPD in Barschels schmutzigem Wahlkampf nur unwissend und leidtragend, oder profitierte sie selbst - frühzeitig informiert - von den CDU-Intrigen?Günter Jansen, Sozialminister und Schubladensparer, trat zurück; Björn Engholm, Minis terpräsident, Bundesvorsitzender und Hoffnungsträger der Sozialdemokratie, folgte.Und jetzt Gert Börnsen.Nicht nur daß der Fraktionsvorsitzende im Kieler Landtag ebenfalls des heimlichen Wissensvorsprungs verdächtigt worden war, Börnsen hatte in d en vergangenen Monaten auch einiges daran gesetzt, den Opfermythos der SPD zu bewahren.Doch das schien nicht allen Genossen zu gefallen: Ende August verweigerte die Mitgliederversammlung Börnsen die Direktkandidatur in seinem angestammten Wahlkreis. "Die Basis hat sich die Partei zurückerobert", jubelte Norbert Gansel, Kieler Bundestagsabgeordneter und Fürsprecher einer radikalen Affären-Glasnost."Börnsen hat es verdient, daß er mal eins auf den Deckel bekommt."Die Freude über die Niederlage des Politprofis ist auch Werner Hauenschildt anzusehen.Seit 1952 ist er Mitglied der SPD, aber so viel Streit habe es nun wirklich noch nie gegeben."Die Politiker machen doch, was sie wollen", sagt er, schiebt seine Prinz-Heinrich-Mütze zurecht und fäll t ins Plattdeutsche:"Wat geit mi dat an?" Selbstzerstörerische Rangeleien in den obersten Rängen, ein Zeichen für den Generationsbruch in der Kieler SPD?Engholm, Jansen und auch Börnsen gehören zur Generation der ewigen Enkel, zu jenen, die seit den siebziger Jahren Jugendlichkeit demonstrieren und die Urenkel nicht erwachsen werden lassen.In der Führung der SPD herrscht jetzt zumindest Einigkeit darüber, daß es keine Einigkeit geben wird - jedenfalls nicht in den quälenden Fragen der Affäre nach der Affäre.Also doch Schwamm drüber?Nein, das könne nicht die Losung sein, meint Jürgen Weber, der neue Direktkandidat für den Wahlkreis Kiel-Mitte, jugendliche vierzig.Vielmehr müßte man jetzt doch mal Tatbestände statt Meinungen bewerten, endlich zur Versöhn ung schreiten und sich dann echten Problemen zuwenden.Kiel-Mitte sei ein urbanes Zentrum, der Bereich, in dem die Grünen abstauben, ohne viel zu tun.Dem will der ehemalige Gansel-Mitarbeiter mit einem "kreativen und phantasievollen Wahlkamp f" entgegentreten.Die Zutaten: ein Existenzgründerkongreß, ein Plakatwettbewerb zum Thema Spagat (der zwischen Tradition und Moderne) und eine CD-ROM. Schwer lag der Geruch von Erbsensuppe im Kieler Festzelt, penetrant die Zeitung für Arbeitnehmer auf den Holztischen, die verkündete: "Gute Luft, gute Laune".