Villeurbanne

Aus der offenen Tür einer Kleindruckerei dringt das Zischen der Druckerpresse; kurze Schreie ertönen aus der Taekwondo-Schule gegenüber; eine Frau grüßt aus einem Fenster mit buona notte, derweil aus einem andern arabische Weisen erklingen. Ein drahtiges Männlein in Monteurkluft feilt direkt hinter seinem Schaufenster an Zahnprothesen, und in der "Petit Bar" nebenan nippen drei Arbeiter an ihrem Feierabendschoppen. Die Rue Jean-Claude Vivant in Villeurbanne, eine kleinbürgerliche Straße mit niedrigen Häusern, hat Ende voriger Woche traurige internationale Berühmtheit erlangt. Absperrungen, zwei bewaffnete Polizisten und der immer noch stechende Brandgeruch zeugen von dem Attentat, das vierzehn Verletzte forderte.

Es hätte noch weit schlimmer kommen können. Die in einem unauffälligen roten Volkswagen Polo verborgene Bombe detonierte wenige Minuten, bevor sich die Schar der 600 Schüler der jüdischen Nahalal-Moshe-Schule auf die schmale Straße ergoß. Schulleiter Rabbiner Zafrany spricht von einem Wunder, mahnt aber zugleich: "Wir dürfen uns jetzt nicht einschüchtern lassen." Der Lokalsender Radio Judaica ruft alle Religionsgemeinschaften auf, jetzt erst recht den Dialog zu suchen: "Würden wir nun von einem Krieg zwischen den Religionen sprechen, wäre dies ein Sieg der Terroristen."

In der Rue Jean-Claude Vivant bleiben die meisten Passanten noch immer kurz stehen. Sie starren auf die Schule mit den zerbrochenen Fensterscheiben, aus der mittlerweile wieder die Stimmen von dreibis fünfzehnjährigen Kindern ertönen. Beim Zeitungshändler, in den bescheidenen Cafés und beim Parkscheinautomaten ist das Attentat das einzige Thema. Immer wieder werden die schrecklichen Minuten nacherzählt. Und die bange Frage lautet: Wann hört das Morden endlich auf?

Der Anschlag von Villeurbanne ist bereits der siebte Terrorakt binnen weniger Wochen, der Frankreich erschüttert. Begonnen hat es mit der Erschießung des 85jährigen Imams Sahraoui in Paris am 12. Juli. Zwei Wochen später forderte eine Explosion im Pariser Metro-Bahnhof Saint-Michel sieben Todesopfer und sechsundachtzig Verletzte. Siebzehn Menschen wurden am 17. August von einer Papierkorbbombe beim Triumphbogen verletzt; vier waren es am 3. September bei der Detonation eines mit Sprengstoff gefüllten Dampfkochtopfs auf einem Markt unweit der Bastille. Glimpflich verliefen - weil die Zünder versagten - zwei weitere Attentate.

Noch bewahren die Franzosen kühlen Kopf; Panik hat das Land nicht erfaßt, wohl aber das Gefühl der Ohnmacht und der Wut. 1374 Bombenalarme seit Beginn der Attentatsserie, mehr als eine Million Personenkontrollen, Parkverbote vor Schulen und anderen "exponierten Gebäuden" - vom Klima des Terrors wird jeder erfaßt, ob er nun einkaufen geht und seine Taschen durchsuchen lassen muß, ob er mit der Metro fährt und sein Blick unwillkürlich kurz unter den Sitz schweift, ob er einen Bogen um Telephonze llen und Mülltonnen schlägt und jede herumstehende Plastiktüte mißtrauisch mustert.

Jeden Abend, wenn die Franzosen ihre Fernseher einschalten, werden sie mit einer Ration an Terrormeldungen beliefert. Hinzu kommen Beiträge über den weltweiten Proteststurm gegen die Atomtests ihres Präsidenten, düstere Nachrichten über die unverändert unerfreuliche Wirtschaftslage, Generalstreikdrohungen und Bilder vom Krieg in Bosnien, in dem ihre Armee bislang mehr als vierzig Tote beklagt. Was Wunder, daß manch einer seufzt: "Ein bißchen viel auf einmal."

Bei aller demonstrativen Selbstsicherheit verlieren vor allem die Politiker allmählich ihre Contenance. Innenminister Jean-Louis Debré ist hoffnungslos überfordert. Alle Augen richten sich nun auf den Präsidenten. Jacques Chirac sah sich binnen weniger Tage zu drei langen Interviews genötigt. Fest entschlossen sei er, tat er dem Volke kund, "diese Pest auszurotten". Keinesfalls werde er mit diesen "Monstern" verhandeln (was Frankreich in früheren Fällen insgeheim durchaus tat).

Hoffnungen auf ein baldiges Ende kann Chirac hingegen niemandem machen. Als Entlastungsmanöver geißelt er statt dessen die Medien, die die Bluttaten in "noch nie dagewesenem Maße aufbauschen". Er zeiht die Sicherheitskräfte mangelnder Organisation und Zusammenarbeit und kündigt markig "Konsequenzen" an. Und er zögert keinen Augenblick, das von ihm nie geliebte Schengener Abkommen vom Tisch zu wischen, indem er die Kontrollen an Frankreichs Grenzen massiv verschärft und deren Abschaffung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt.

Zwei Monate nach Beginn der Terrorwelle treten die Fahnder auf der Stelle. Spuren gibt es zuhauf, aber sie verlieren sich wieder. Glaubhafte Bekennerschreiben blieben aus. Während das Saint-Michel-Attentat offenbar das Werk von Profis war, deuten die Ermittlungen bei den übrigen auf Amateure hin. Immer naheliegender wird die Vermutung, hier sei nicht eine Bombenlegergruppe am Werk gewesen, vielmehr trieben mehrere unabhängig voneinander ihr Unwesen. Einigermaßen sicher ist lediglich, daß die Attentate in einem vagen Zusammenhang zu dem Krieg in Algerien stehen.

Zu den Hauptverdächtigen gehören deshalb die fanatischen Bewaffneten Islamistischen Gruppen (GIA). Viele GIA-Kämpfer sind Afghanistan-Veteranen und bestens bewandert in Guerillatechnik. Sie lehnen in ihrer Heimat jeden Kompromiß mit der Regierung ab und setzen statt auf Versöhnung auf den gewaltsamen Sieg. Andersgläubige, aber auch Journalisten und Intellektuelle wollen sie vernichten, zumindest aber vertreiben. Doch sind die GIA alles andere als eine homogene Bewegung, sondern ein Ungeheuer mit tausend Köpfen.

Welche Motive treiben die GIA an? Geht es ihnen um Rache an Frankreich, nachdem mehrere ihrer Attentäter Weihnachten 1994 bei der Befreiung einer entführten Air-France-Maschine umkamen? Oder wollen sie den Krieg über das Mittelmeer nach Europa hineintragen und die hiesigen Muslime erpressen und radikalisieren? Gewiß will die GIA Paris auch nötigen, jedweden Kontakt mit dem in Algier herrschenden Militärregime abzubrechen. So eng ist dieser freilich ohnehin nicht mehr. Noch gibt es zwar vereinzelte Waffenlieferungen, noch hat Frankreich den Geldhahn nicht zugedreht, was auch kaum im Interesse der darbenden algerischen Bevölkerung läge.

Vorläufig bleibt die Algerienpolitik des neuen Herrn im Elysée noch diffus. Sie dürfte jedoch etwa der Richtung folgen, die Ministerpräsident Alain Juppé vor gut einem Jahr, damals noch als Außenminister, vorgezeichnet hat. Punkt eins: Die Lösung des Algerienkonflikts müssen die Algerier selber finden. Punkt zwei: Frankreich mischt sich nicht in den Konflikt ein, aber fördert Bestrebungen zum Dialog zwischen der algerischen Regierung und der Islamischen Heilsfront (FIS). Daher rückt ein weiterer Tatverdächtiger ins Blickfeld: der algerische Geheimdienst. Dieser wolle, so die Verfechter dieser Theorie, alle Islamisten als Terroristen brandmarken und einen Keil zwischen Frankreich und die FIS treiben, damit Paris bald wieder getreu den Militärs in Algier die Stange halte . . .

Auf dem Lyoner Hauptbahnhof Part-Dieu, unweit des Tatorts vor der jüdischen Schule, patrouillieren nun Soldaten des 68. Artillerieregimentes, im Kampfanzug und mit umgehängten Maschinenpistolen. Lyon scheint im Dispositiv der Bombenleger eine zentrale Rolle zu spielen. In der grauen Vorstadt Vaulx-en-Velin wohnte der dringend gesuchte 24jährige Khaled Kelkal. Auf dem Isolierband einer der nicht gezündeten Bomben fanden sich seine Fingerabdrücke.

Kelkal galt bislang nicht als islamistischer Eiferer. In seinem Viertel schildern ihn die wenigen, die überhaupt bereit sind, Auskunft zu geben, als höflichen, besonnenen jungen Mann. Einer, der kein Wässerchen trüben kann, ist er gleichwohl nicht. Er nahm an wilden Rodeos mit gestohlenen Autos teil, bei denen mitunter Jugendliche die Polizei jagen und nicht umgekehrt, Läden verwüstet werden und Schießereien stattfinden. Dafür saß er im Gefängnis. Erst in jüngster Zeit soll er mit muslimischen Extremisten in Kontakt gekommen sein.

Damit steht er für deren wachsenden Einfluß in den Banlieus, wo immer mehr Männer Bärte und Frauen Schleier tragen. In Vaulx-en-Velin ist mehr als jeder zweite unter 25 Jahren; 40 Prozent der Bewohner der elenden Sozialwohnungsbauten stammen aus dem Maghreb; jeder dritte ist arbeitslos. Der Ort gilt als "hartes Ghetto", die Verbrechensrate zählt zu den höchsten im Lande. Neue, bessere Wohnhäuser, Sozialprogramme und Investitionen sollen das Pulverfaß entschärfen. Womöglich kommen sie zu spät.

In Orten wie Vaulx-en-Velin finden extreme politische Gruppen leicht Nachwuchs. Khaled Kelkal wäre nur einer von vielen. Auch wenn sie nicht dem islamischen Fundamentalismus zuneigen, auch wenn sie keinerlei politische Ambitionen verfolgen, sind diese jungen Männer bereit zur Gewalt. Sie hassen Frankreich, sie verachten eine Gesellschaft, von der sie glauben, daß sie sie ablehnt und ausschließt. Im Frühjahr in Cannes sorgte Mathieu Kassovitz mit seinem Film "La Haine", "der Haß", für Aufsehen. Noch immer läuft er in Lyon und anderswo. Zum ersten Mal sahen sich darin viele Franzosen mit der Gewaltbereitschaft, der Bitterkeit und dem Haß in den eigenen Vorstädten konfrontiert. Mehr noch als die Angst vor ausländischen Bombenlegerkommandos treibt sie seither das Bewußtsein um, daß es derer gar nicht mehr bedarf, um Frankreich mit Terror zu überziehen. Es fehlt nicht an willigen Handlangern, gleich um die Ecke.