Was der deutsche Laie über islamische Mystik weiß, weiß er von Frau Schimmel. Sie hat wissenschaftliche Standardwerke verfaßt, Nachdichtungen und eine Reihe populärer Darstellungen. Ihre Arbeiten sind, so gesehen, wichtige Beiträge zur "Verständigung der Völker".

Seit ihrem Auftritt in den "Tagesthemen" am 4. Mai dieses Jahres kann ich Frau Schimmels Bücher nicht mehr so unschuldig lesen. Nach Salman Rushdie befragt, antwortete sie damals: "Eine Morddrohung ist natürlich immer etwas Gräßliches. Aber ich glaube, auch hier ist vieles überzogen. Wenn man die Mentalität kennt. Ich habe gesehen, wie erwachsene Männer geweint haben, als sie erfahren haben, was in den ,Satanischen Versen` steht. Und das ist auch meiner Meinung nach eine üble Art, die Gefühle einer großen Menge von Gläubigen zu verletzen. Das kann ich auch nicht schätzen."

Diese Äußerung allein hätte ausreichen sollen, Frau Schimmel den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels abzuerkennen. Sie behauptete, im Westen übertreibe man aus Unkenntnis der Mentalität die Morddrohung ein wenig. Es gab damals schon einige Anschläge auf Rushdie-Übersetzer und Verleger, zwei davon mit "Erfolg". Wie viele müssen noch sterben, damit der großen Interpretin mystischer Verse der Terminus "Morddrohung" nicht mehr überzogen vorkommt?

Wie ernst muß man jemanden nehmen, der glaubt, eine Gefühlsverletzung gegen eine Morddrohung aufrechnen zu können?

Ganz und gar desavouierte sich die Wissenschaftlerin aber dadurch, daß ihr nicht auffiel, daß die Gefühlsverletzung nicht durch die Lektüre von Rushdies Roman bewirkt worden war, sondern von den Erzählungen über den Roman seitens der Propagandisten der Morddrohung.

Daß die verdiente Wissenschaftlerin damals nicht nur die Empörung der aufgehetzten Muslime, sondern auch deren Unkenntnis von Rushdies "Satanischen Versen" teilte, hatte sie in einem anderen Interview erklärt.

In einem Gespräch, das am 6. Mai erschien, wiederholte Frau Schimmel, was sie in den "Tagesthemen" behauptet hatte: "Ich habe die Wirkungen von Salman Rushdies Roman ,Satanische Verse` und von dem, was in den islamischen Ländern über seinen Inhalt bekannt wurde, auf fromme Muslime gesehen: Millionen sind in ihrem tiefsten Glauben und in ihrer großen Liebe bis ins Herz gekränkt worden."