Was ist das? Es spielt in der Steiermark, es handelt von tropfenden Schamlippen, Blut, Tod, Selbstmord und dem lieben Jesulein. Das ist ein Roman, wie er nur dem Kopf eines Älpers entsteigen kann, ein Stück echter katholischer Hardcore-Prosa aus Gewalt und Verzweiflung, zerhackten Geschlechtsteilen und unzerstörbarer Mutterliebe, Sperma-Hostien und Leichen in Gletscherspalten. Das ist ein Buch, von dem der deutsche Flachlandbewohners nur staunend träumen kann.

Elfriede Jelinek hat ihr österreichisches Opus magnum verfaßt. 667 Seiten, die alles enthalten sollen: das ganze Land, sein ganzes Leid, seine ganze Schuld, seine ganze Widerwärtigkeit, seine brutale Geschichtsvergessenheit, seinen medialen Müll, seine ramponierte Natur, seinen politischen Wahn, sein deplorables Sexualleben. "Die Kinder der Toten" ist - im Jahr des österreichischen "Buchmessenschwerpunkts" - ein Buch, in dem nahezu alle Motive und Mittel österreichischer Gegenwartsliteratur zitiert, collagiert, kopiert werden: der gemarterte alpenländische Eros, die verdrängte Schuld, die barocke Rhetorik, die Sprachspiele und Experimente der Wiener Gruppe, der freie assoziative Sprachfluß der Friederike Mayröcker, die weibliche Metaphysik der Ingeborg Bachmann, der poetische Sprachbaukasten der Elfriede Czu rda, die bäuerlichen Seelenqualen des Josef Winkler, der sadomasochistische Furor der Elfriede Jelinek. Ein großes österreichisches Gesamtkunstwerk.

Es spielen: Edgar Gstranz, ein Untoter aus dem ehemaligen B-Kader der Ski-Nationalmannschaft; Karin Frenzel, lebende Tote und ewige Tochter, getöntes Haar, Brille, ehemals Sekretärin in der Verkaufsabteilung eines Büromaschinenkonzerns; Gudrun Bichler, Selbstmörderin und erfolglose Studentin der Philosophie; die Nekropole Österreich als Sportler- und Urlauberinferno und mehrere Millionen Tote, symbolisiert durch Brillen, Haar und Menschenhaut-Lampenschirme, die aus allen Bergritzen u nd Erdspalten hervorquellen. In den Nebenrollen laufen drei tüchtige Wanderburschen durch die dreiunddreißig Kapitel, melden sich zwei von eigener Hand getötete Förstersöhne aus dem Jenseits zurück, wird ein junges Mannequin vergewaltigt und ermordet, verunglückt eine kleine Busreisegruppe und bevölkern Scharen von fidelen Ausflüglern die postmortale Szene. Lebende Tote die gesamte Personage. Der Ort: die Pension Alpenrose und ihre schöne Umgebung. Die Zeit: immer. Der Erzähler: ein anonymer Chor, auch "wir langersehnte Befreier der Toten" genannt. Die Handlung: Katastrophen, Unfälle, Mord und Leichenschändung. Eine nacherzählbare Geschichte gibt es nicht. Die drei Haupttoten, die Seite um Seite immer neue Tode sterben, wie aufgezogene Puppen lustlos Sexualdelikte begehen, einander das Geschlecht zerfetzen, den "üppigen Graspelz" vorzeigen, die "aufgeschwollene Fotze" präsentieren, verschaffen dem Buch immerhin einen personalen Zusammenhang.

Doch auf Zusammenhänge kommt es nicht an, wenn es um mehr, wenn es um alles geht. Die drei Helden sind ohnehin nur Demonstrationstote, Halbexistenzen, die verschiedene Weisen des verunglückten und abgestorbenen Lebens darstellen sollen - die Mutter-Tochter-Hölle, die der Jelinek-Leser aus dem Roman "Die Klavierspielerin" kennt, das sexistische Latexanzug-Getue, die Jelineksche Grundausstattung jeder männlichen Figur, und das Dasein als Frau und Austro-Lämmchen, wie es dem Leser seit dem Roman "Lust" vertraut ist. Viel wichtiger als diese altbekannten Personen-Allegorien des falschen Lebens ist der Autorin der klingende Motivteppich aus Zerstörung, Fäulnis, Lederhosen, Apokalypse und Fernsehbildern, den sie in immer neuen Varianten Seite um Seite ausbreitet - teils von einem leerlaufenden rhetorischen Furor, teils von einem echten volkspädagogischen Anliegen getrieben.

Elfriede Jelinek ist Moralistin, die Erziehung des Lesers ihre Herzenssache. Ihre christliche Botschaft: Das Sichtbare ist nur ein Schein, ein Irrtum, ein eitel Bild hinter dem der Tod, die unsichtbare letzte Gewißheit, allzeit wacht. Da nutzt es nichts, sich im schicken Skihoserl aufzuspielen, im glänzenden Automobil herumzurasen, das Haar zu wellen, den Farbfernseher anzuwerfen und sich in der herzigen Pension Alpenrose einzuquartieren - der Knochenmann lauert überall, mitten wir im Leben sind wir von dem Tod umfangen.

Nach altem mittelalterlichen Brauch reißt die Autorin der Frau Welt den bunten Rock vom Leib, zerstückelt ihr bißchen Tand und Flitter, zerlegt die Mythen der Medien, zerstört die Macht der Männer, zerfetzt das Bild der Frau, ramponiert die dressierte Natur, karikiert die abendländische Geistesgeschichte. Da bleibt nichts übrig. Oben hui, unten pfui, das ist die Lage. Solange es die heilige römische Kirche und den Jelinekschen Reinheitsfuror gibt, muß der schillernden Welt, ihrem kleinbürgerlichen schäbigen Glanz, ihren Schaumfestigern und Hochglanzansichten der Garaus gemacht werden, denn sie sind des Teufels.

Die didaktische und anklagende Demontage der Mythen, Verblendungen und Träume des mitteleuropäischen Kleinbürgertums ist nicht erst seit Karl Kraus und Horvßth der Lieblingstopos der österreichischen Literatur. Anders als in Deutschland, wo es sich der blasse Normallebende, das pensionsberechtigte Talggesicht, der fehlbare Kleindarsteller der Geschichte von Anselm Kristlein bis Fonty in den Buchregalen bequem macht, wird derselbe verblendete, geschichtsvergessene Gemütlichkeitsidiot bei den österreichischen Autoren unerbittlich verfolgt. Er ist es, der seine besten Söhne in den Selbstmord treibt, der seine schönsten Töchter zerschnetzelt und zerschnitzelt, der den Holocaust zu verantworten und am gründlichsten vergessen hat.