Rechtsanwalt M. hat bei seinen Klienten nicht immer auf Vorkasse bestanden. Das war unvorsichtig, denn nachdem er die Leute vor Gericht herausgepaukt hatte, verflog die Dankbarkeit, und mit ihr erlosch die Zahlungsbereitschaft. Mit den Jahren sammelte der Anwalt Rechnungen über 800 000 Mark, ohne jede Hoffnung, das Geld jemals zu bekommen. Heiko H. (30) traute sich indessen zu, unwillige Schuldner zu überzeugen. Von Statur groß und wuchtig, brachte der gelernte Maurer die richtigen Voraussetzungen für das Inkassogewerbe mit. Es kam hinzu, daß der Anwalt, der Heiko H. eigentlich wegen einer Firmengründung beraten sollte, seine Forderung gegen den Unternehmer Werner St. von über 12 000 Mark für 400 Mark an ihn verhökerte. Eine gute Gelegenheit, derentwegen Heiko H. nun vor dem Amtsgericht Plön steht.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Werner St. nicht nur mit ungebetenen Besuchen und Dauertelephonaten genervt, sondern auch zu unerlaubten Mitteln gegriffen zu haben. In der Tat macht der Angeklagte als Schuldeneintreiber eine überzeugende Figur: Das rückenlange, schwarze Haar bindet ein Tuch zum Pferdeschwanz zusammen, über weißem Hemd ein karamelfarbenes Jackett, dazu eine Krawatte in Pastelltönen.

Wegen eines anderen Falles, der heute nicht verhandelt wird, sitzt sitzt Heiko H. seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft. Ihm wird der "warme" Abbruch eines Wohngebäudes zur Last gelegt. Doch der Angeklagte beteuert, stets sei er durch falsche, böswillige Beschuldigung in Verdacht geraten. Den Schuldner Werner St. besuchte er zum ersten Mal im Dezember 1993, um sich als neuer Gläubiger vorzustellen. Nur kurz durfte er mit Frau St. plaudern, dann schlug ihm Werner St. die Tür vor der Nase zu. Herr St. habe gleich "gepöbelt", erinnert sich der Angeklagte.

In der Nacht nach dem Besuch knallte eine mit weißem und mintgrünem Lack gefüllte Milchflasche gegen das Wohnzimmerfenster des Herrn St., und die Reifen seiner Firmenwagen wurden aufgeschlitzt. "Reiner Zufall", damit will Herr H. nichts zu tun haben. Auch als ein paar Nächte und ergebnislose Telephonate später das häßliche Wort "Betrügerschwein" in Silbermetallic auf die Straße vor dem Häuschen von Herrn St. gesprüht wurde, sei das nicht sein Werk gewesen. Werner St. habe viele Feinde, der bezahle seine Lieferanten nicht und habe mit windigen Geschäften eine "Blutspur" hinterlassen, behauptet der Angeklagte. "Richtig Dampf", wie die Richterin vermutet, will Heiko H. dem Herrn St. nicht gemacht haben. Wie er dann zu seinem Geld kommen wollte, bleibt sein Geheimnis.

Mit Mahnungen und Anrufen allein ist Werner St. jedenfalls nicht beizukommen, das hatte Rechtsanwalt M. schon probiert. Heiko. H. will nur mit Frau St. telephoniert haben, "höflich und korrekt". In der schriftlichen Erklärung der Frau liest sich das anders: Herr H. habe sie bedroht und geprahlt, daß er die nächtlichen Besuche in Auftrag gegeben habe. Ein Mißverständnis, erklärt Heiko H. ungerührt; Frau St. ist inzwischen verstorben und kann nicht mehr aussagen. Der nächtliche Schmierer wurde nicht gesehen, der Angeklagte rechnet mit einem Freispruch.

Mittlerweile hat das Gericht die Anklage wegen der Brandstiftung studiert und beschlossen, das heutige Verfahren "vorläufig" einzustellen. Denn sollte Heiko H. wegen schwerer Brandstiftung verurteilt werden, würde die Strafe wegen Beleidigung und Sachbeschädigung kaum ins Gewicht fallen, und unnötige Arbeit macht man sich in Plön nicht gern. Mit dieser Wendung ist Werner St. "kein Stück" einverstanden. Von den juristischen Kautelen begreift er nur, daß sein Fall hier nicht weiter interessiert: "Für Sie ist das wohl nur Kleinschiet."

Werner St. möchte einiges "klarstellen", aber das Gericht will nichts hören. Wütend grüßt der bullige Mann noch den Angeklagten: "So einfach geht das also, du Sack." Dann wird er aus dem Saal vertrieben.