Gleich zweimal mußte die Sozialdemokratin Heide Simonis zu Beginn dieser Woche tun, was sie in ihrem Politikerleben gewöhnlich zu vermeiden weiß. Die schleswig-holsteinische Regierungschefin hielt, was ihr sonst schwerfällt, den Mund, nachdem sie von Parteifreunden und -feinden als mögliche Kanzlerkandidatin der SPD ins Gespräch gebracht worden war. Und sie entschuldigte sich bei ihrem Parteivorsitzenden Rudolf Scharping, nachdem in der Welt am Sonntag zu lesen war, wie sie zuvor in vertraulicher Runde mit Journalisten über Scharping gelästert hatte: Er sei ein "Autist".

Obwohl die 52jährige nach eigenem Eingeständnis gerne "Zoff" mag - deswegen sei sie auch in die Politik gegangen -, wurde ihr wohl bewußt, daß sie mit ihrer kessen Bemerkung über den angeschlagenen Scharping die Grenze des Zumutbaren überschritten hatte. Das war im Sommer noch anders, als Heide Simonis die Zänkereien zwischen Scharping und dem Niedersachsen Gerhard Schröder kommentiert hatte: "Wie kleine Jungs, die im Sandkasten mit ihren Förmchen spielen. Irgendwann hauen sie sich dann die Eimer um die Ohren." Damals hatte ihr die Bemerkung eher Sympathien eingebracht. Zimperlich war sie ohnehin nie - getreu ihrem Motto: "Nicht blindlings zuschlagen, aber zuschlagen!"

Daß sie nun als mögliche Anwärterin auf das höchste Regierungsamt im Bund genannt wurde, kann ihr nicht ungelegen kommen. Spekulationen über höhere bundespolitische Weihen werten Landespolitiker immer ein wenig auf. Und Heide Simonis muß am 24. März nächsten Jahres Landtagswahlen bestehen, um ihre Macht in Kiel zu behaupten.

Weil der positive Effekt von Elogen jedoch leicht zunichte wird, wenn sie zuviel Ehrgeiz hervorrufen, hat die Ministerpräsidentin zunächst ihren eigenen Landwirtschaftsminister Hans Wiesen zur Ordnung gerufen. Er war in Bild am Sonntag zitiert worden: "Heide Simonis hat das Zeug zur Kanzlerkandidatin" - angeblich ein aus dem Zusammenhang gerissenes Wort. Aber auch jenseits der Parteigrenze gab es Zuspruch. Der Grüne Daniel Cohn-Bendit wunderte sich: "Ich verstehe nicht, weshalb dies in der SPD nicht schon längst diskutiert wird"; die Sozialdemokratin sei der "ideale Koalitionspartner" der Grünen. Eine andere Zielrichtung haben freilich die Komplimente des CSU-Mannes Erwin Huber, der ihre "Ahnung von Finanzen" und ihre "Kompetenz" pries.

Derartiges Lob für den Gegner hat meist das Ziel, Zwietracht zu säen. Die parteiinternen Anpreisungen haben eine andere Ursache: Wenn bei der SPD ein Spitzenmann ins Trudeln gerät, wird schnell ein Siegertyp gesucht. So wurde einmal über Walter Momper spekuliert, und so kam der Kieler Amtsvorgänger von Heide Simonis, Björn Engholm, als Parteichef und Kanzlerkandidat zu Ehren. Letztlich verlief auch der Aufstieg Rudolf Scharpings ähnlich. Hatte ein Landespolitiker auch nur eine Wahl gewonnen, galt er schnell als Sympathieträger, und hat er in seiner Karriere wenigstens gravierende Fehler vermieden, landete er alsbald auf dem Bonner Personenkarussell.

Heide Simonis, die im Mai 1993 zur ersten Regierungschefin eines Bundeslandes gewählt wurde, ist in der meist schon grau gewordenen Schar der SPD-Enkel ein Paradiesvogel - und nicht nur wegen ihrer Vorliebe für modische Kleidung, Schmuck und gewagte Hüte. Mit ihrer straffen Finanzpolitik hat sie sich Respekt auch in eher konservativen Bevölkerungskreisen erworben. Sie gab Anstöße für die Entwicklung einer High-Tech-Industrie und zur Modernisierung der Infrastruktur. Auch in Bonn kennt sich die diplomierte Volkswirtin aus. Sie hatte, bevor sie 1988 Finanzministerin in Kiel wurde, im Haushaltsausschuß des Bundestages Anerkennung bei Freund und Gegner gewonnen. Stolz ist sie darauf, daß sie nie ein Amt als Quotenfrau bekommen hat.

"Sie pflegt nicht die diplomatische Sprache der Politiker", sagte ein SPD-Vorstandskollege über sie, als sie noch Finanzministerin war, "und sie redet draußen genauso wie hinter verschlossenen Türen." Das geschah schon öfter. Als sie - nach Ansicht des Betroffenen - zu früh Oskar Lafontaine zur Kanzlerkandidatur aufgefordert hatte, klagte der: "Die Politikerin Heide Simonis äußert sich häufig in letzter Zeit, aber nicht immer zur rechten Zeit und nicht immer so, daß man ganz glücklich darüber ist." Die forsche Heide - wir werden noch öfter von ihr hören.