Eine Prognose vorab: Im Jahre 2000 wird "Art-Rooming-In" ein fester Begriff sein.Der Kunde erwartet sich Kunst zum Leben, Galerieangebote im wohnlichen Kontext, vielleicht eine Nacht Probeschlafen - muß ja nicht alles im Preis inbegriffen sein.Solange es das in Galerien aber noch nicht gibt, funktioniert schon heute die Idee "art'otel" der Unternehmensgruppe Gädeke/Landsberg. Die "art'otels" (angeführt von Herrn Seidler) sind verschieden gestaltete, private Hotels mit immergleichem Konzept.Zugrunde liegt die Idee vom "Kunsthotel".Sie funktioniert über große Namen aus der ersten Riege zeitgenössischer Künstler an illustren Standorten. Das erste kam nach Berlin (mit Kunst von Vostell), ein weiteres ist dort geplant (mit Rebecca Horn).Im Gespräch sind Neubauten für Leipzig und Amsterdam.Jetzt aber öffnet man schon die Pforten im historischen Persius-Speicher zu Potsdam.Katharina Sieverdings Bilder und Spiegelungen durchziehen dort das Haus.Und nach Dresden kam A.R.Penck zum art'otellieren.Dresden + Penck: das war schon immer eine besondere Geschichte . . . Dresden wollte schon lange eine Kunsthalle bauen.Jeder wußte, daß die Stadt so etwas braucht, ein Podium für zeitgenössische Kunst.Eine Handvoll junger Galerien kann die Lösung nicht sein.Jahrelang gab es Zoff um das Filetstück "Der Herzogin Garten", gegenüber vom Zwinger.Der Beinahe-Sponsor Rolf Hoffmann aus Köln war vergrämt und zog weiter.Der Neobarock von Frank Stella blieb Modell. Unweit davon, vier Minuten vom Zwinger, kaufte sich zur gleichen Zeit, mit leichter Hand und ganz ohne Getöse, Dirk Gädeke aus Berlin sein Stück Bauland.Als Draufgabe versprach er der Stadt eine Kunsthalle - mitten im Hotel.Das stand auch bald auf dem dreieckigen Wiesenstück zwischen Ostra-Allee, Max- und Könneritzstraße - gegenüber dem Dresdner Haus der Presse. 170 Millionen Dollar teuer, aus Glas und Beton, für die Gegend etwas dicke.Überdies brachte er "Penck" zurück. Man tritt in die Eingangshalle.Glatte Flächen.Klar kühl blauige Möbel.Ein perforiertes Ei auf Hochkant, davor die Rezeption.Kein Plüsch.Kein Plum.Aber überall Penck. Auf den Etagen hängen große Tafelbilder, den Fahrstuhlausgängen gegenüber.In den Korridoren erwarten uns Zeichnungen über Zeichnungen, steht natürlich auch Skulptur.Die Zimmer schmücken Lithographien, von kleiner Auflage war die Rede, und in den Appartements und Konferenzräumen ist es schon mal ein kleines bißchen mehr. Weil man den Generaldirektor Schmidt von den Staatlichen Sammlungen um sein Wohlwollen fragte, hat er gemeint, ein bissel was im Entrée vom Dresdner Konstruktivisten Herrmann Glöckner könne doch nicht schaden.Aber Penck überbordet die Kunsthalle und das Hotel drumherum.Man darf es ruhig als sein Privatmuseum sehen. Siebenhundert Stücke auf sechs Etagen, eine kaum beschreibbare Fülle.Alle Stücke, so erklärt das Hotelmanagement, seien eigens für dieses "art'otel" entstanden.Alle Kunstwerke sind ins Grundbuch eingetragen, sauber aufgelistet, denn da hat sich ein Künstler nachträglich sein Leben aufgeräumt.Von der Seele gemalt.Das gibt es manchmal ja noch.Vielleicht ist das ein praller, plötzlicher Liebesbeweis.Penck hat die ganze Geschichte seines Lebens noch einmal bebildert: seit seiner sanften Theorie üb er Arsch, Asche und Vegetation.Die ganze schaurig-schöne Mischung aus Liebe und Tod.Die ganzen alten Egos festgehalten, ob sie nun Mike Hammer oder Y oder Penck oder einfach Ralf hießen.Ralf Winkler, alias Penck, kennt seine Sachsen, und A.R.Penck k ennt den Rest der Welt.Er hat noch einmal hundert, ach Hunderte von Figuren geschaffen. Vor drei Jahren, als die Penck-Ausstellung im Dresdner Albertinum hing, nannte er sie "Analyse einer Situation".Diesmal schenkte er Dresden eine Bilanz, eine Rechnung.Alles da: die Rattenfänger und Blumenkinder, die Dunkelmänner und Lichtgestalten, das Göttliche und der Kitsch.Ost und West.Positiv und Negativ. Dresden, so hieß es, Dresden kann man nur von außen erreichen.So ist es ihm wohl gegangen mit dieser Gädeke-Geschichte.Der gleiche Ort hat Penck erst abgelehnt, dann rausgedrängelt, jetzt wieder heimgeliebt und zu einer Zäsur in seinem Schaffen geschubst, an die schon fast nicht mehr zu glauben war. Über seine Ausstellung, die jetzt in der Kunsthalle hängt, titel er: "Standart ist hart".Eine gewagte, dämonisch-dickbunte Mischung aus Bildern (schwarz/weiß) und Filzfiguren (knallkomisch).So muß es sein, wenn sich ein Jim Morrison und Helge Schneider die Bühne teilen könnten.Penck macht uns manchmal die singende Herrentorte, und dann ist er wieder der weiser und weißer werdende Schamane. Organisatorisch sind Kunsthalle und "art'otel" getrennt.Personell sind die Trennungen nicht ganz so deutlich.Man muß sehen, wie die neue Direktorin Gabi Muschter (die wir von der Stiftung Neue Kultur und der Berliner Kulturbrauerei kennen) mit den doppelten Bürden fertig werden kann.Man möchte hoffen, daß die Kunsthalle nicht zum Vermarktungstrick für das Hotel verkommt, kein Gemischtwarenladen für bunte Bilder wird und kein Ballsaal für intellektuelles Tingeltangel zur Freude der Hotellerie. Auf keinen Fall sollte man zulassen, daß sich die bauernschlauen Stadtoberen auf den privat bezahlten Lorbeeren ausruhen und den wohlfeil geerbten Kunstsaal als Feigenblatt gebrauchen.Reden wir ruhig vom Erlweinspeicher, in den vor Zeiten die Landesbibliothek ziehen sollte.Fragen wir unerbittlich nach der "Kunstmeile", nach dem Tabakkontor Yenidse, das man jetzt rekonstruiert und lange schon büroamtlich verhökert.Wer sprach denn in Dresden mal so großmundig von Kunstetagen, von Ate liers oder Galerien in diesem herrlichen Bau? Wenn sich betuliche Stadtväter, wie in Dresden, in Potsdam, aus der Pflicht nehmen lassen, wenn sie einzig die angestammten Kunstplätze verwalten, ohne sich um neue zu kümmern; wenn sie nur an Gutmenschen aus der Wirtschaft glauben, auf Privatsammlungen setzen und auf private Freundeskreise - dann hat "Art-Rooming-In" schon begonnen, und der private Geschmack zieht allein die Großen groß.