Es ist Nacht, der erste Herbststurm zerrt am Geäst der Bäume, und ein heller Mond bricht ganz kurz zwischen den Wolken durch, die wie Bühnenrauch das Moor hinaufrollen. Oder war es ein Blitz? Dann peitscht der Regen wieder waagerecht in das Laub und blendet das Licht aus, das John Goodenough oben am Haus angemacht hat. Eine dieser wilden Nächte, in denen es angeblich passiert: Plötzlich tritt eine pantherähnliche Raubkatze aus dem Dunkel des Dickichts, wie ein Wesen aus einer anderen Welt.

Seit fünf Jahren macht das Ungeheuer das Hochmoor von Bodmin in der keltischen Grafschaft Cornwall unsicher. Dreimal hat Goodenoughs Nachbarin das "Biest von Bodmin" auf Video festgehalten. Vor zwei Jahren gelang einem Reporter der Boulevardzeitung Sun ein flüchtiger Schnappschuß. Seither sorgt das Biest immer wieder für Schlagzeilen. Aber bis heute gibt es keinen Beweis für seine Existenz, nichts als den felsenfesten Glauben derer, die es gesehen haben.

Am Tor zu John Goodenoughs Farm ist ein Schild befestigt: WILDE GROSSKATZEN - BETRETEN VERBOTEN. Dahinter ein verrostetes Durcheinander von Landmaschinen, Traktoren und alten Autos. Wenn der Postbote kommt, holt ein Hund die Briefe am Tor ab und trägt sie zwischen den Zähnen zum Haus hoch. Es gibt einen zweiten Weg zum Haus, auf einer wackeligen Fußbrücke über ein Flüßchen, das vom kahlen Hochmoor heruntersprudelt. Das Schild an seinem Tor habe er angebracht, sagt Goodenough, damit auf seinem Land kein Unglück passiere.

John Goodenough ist ein untersetzter Mann mit einem eindrucksvollen Backenbart. Er sieht auf den ersten Blick aus wie einer, dem der Schalk im Nacken sitzt. Auf den zweiten Blick macht er einen schwermütigen, fast gequälten Eindruck. Auf seinem Hof habe das Untier vierzehn Schafe und drei Kälber gerissen, sagt er. Ein junger Bauer auf der anderen Seite des Tals habe zwei Dutzend Schafe, ein Viertel seiner Herde, verloren. Die Nachbarin auf der anderen Seite habe all ihre Schafe verkauft, weil sie die Verluste nicht mehr verkraftete. Sein furchterregendstes Erlebnis aber hatte er eines Nachts, als er in den frühen Morgenstunden von einem Mark und Knochen durchdringenden Schrei geweckt wurde: "Die Nackenhaare standen mir zu Berge." Der Schrei sei oben von der Felskante, sie heißt "King Arthur's Bed", hergekommen. Ein Brunftschrei, sagt er, und zuckt noch einmal zusammen. Man merkt, daß er die Geschichte schon oft erzählt hat.

Seit das Biest die Gegend verunsichert, führt er einen Feldzug gegen eine "offizielle Vertuschungskampagne", welche die Existenz des Ungeheuers leugne und alle, die es gesehen hätten und unter ihm litten, der Lächerlichkeit preisgebe. In seiner Vorstellung verdichtet sich der Unglaube der Welt zur Verschwörung. Er macht dunkle Andeutungen. Was genau die Zusammenhänge seien, darüber könne er noch nicht sprechen. Die Polizeibehörde der Grafschaft habe einen Constabler, der die Zusammenhänge kenne, zum Schweigen gebracht. Die Zollbehörden seien in die Affäre verwickelt. Tierrechtsaktivisten spielten eine dubiose Rolle. Es ginge um hohe Politik. Er sei gerade in Leicestershire gewesen, wo er weitere Indizien ausgegraben habe . . .

Es gibt kaum etwas, das die britische Phantasie mehr beflügelt als Verschwörungstheorien. Britisches Demokratieverständnis basiert auf der Überzeugung, daß alle Machthaber die meiste Zeit damit zubrächten, die Aufdeckung ihrer korrupten Praktiken zu verhindern. Nach sechzehn Jahren ununterbrochener Einparteienherrschaft der Tories hat die Überzeugung Hochkonjunktur. "Sie müssen wissen", sagt John Goodenough finster, "wir leben heute in einem Polizeistaat!"

Nach zwei Stunden einer mit Dokumenten, Briefen, Videoaufnahmen, scharfzüngigen Kommentaren seiner Frau und vieldeutigen Einwürfen seines Sohns untermauerten Gehirnwäsche taste ich mich vorsichtig die dunklen Stufen vom Haus hinunter und über die wackelige Brücke. Nein, nicht in einer Nacht wie dieser, behauptet John Goodenough, sondern an warmen Sonnentagen sähe man das Untier am ehesten - wenn es geschmeidig über eine der mannshohen Feldmauern spränge, die die engen Straßen hier wie Labyrinthgänge einschließen. Beim Auto angekommen, spüre ich dennoch aus dem undurchdringlichen Gebüsch auf mir haftende Augenpaare. Während ich - minutenlang vergeblich - versuche, den Schlüssel ins Loch zu fummeln, wage ich keine Sekunde, die Augen von der mich einhüllenden Schwärze abzuwenden.