Zusammengekauert hockt die junge Frau auf dem Zeugenstuhl. Wenn sie, wie so oft an diesem Vormittag, die Augen trocknet, ist ihre Stimme kaum mehr zu verstehen. Der Richter des Stuttgarter Landtags blättert in einem Aktenordner. "Also", versucht Richter Hans Alfred Blumensein die Vernehmung erneut in Gang zu bringen, "Sie sind am 14. Juli 1994 mit Herrn Fajfr ins Trainingslager nach Orsières in Frankreich gefahren?" Nadine P. korrigiert ihn: "Er ist mit seiner Harley gekommen." Und die heute Achtzehnjährige berichtet, wie ihr Vater Karel Fajfr, den "Meistermacher" des deutschen Eiskunstlaufs, bat, auf seine Tochter aufzupassen.

Dann war die Eisprinzessin mit ihrem Trainer allein. Man habe nach dem Abendessen ferngesehen: "Ich soll doch auf die Couch kommen", habe er gesagt, und "jetzt komm doch her", als Nadine P. zögerte. "Er hat seinen Arm um mich gelegt und mir erzählt, wie es früher zwischen ihm und den Mädchen war. Und daß ich jetzt einen Vorteil gegenüber anderen hätte, den ich nutzen solle."

Sie habe sich nicht gewehrt, als er ihr T-Shirt auszog und sie streichelte und versuchte, mit der Hand in die Hose zu fassen. Er habe gefragt, ob er mit ihr schlafen dürfe. Sie wollte nicht. "Dann warten wir eben noch", soll der 52jährige Karel Fajfr geäußert haben. Die Grabschereien durch den Trainer des Stuttgarter Eislauf-Vereins tus-Waldau seien weitergegangen, zehn Tage lang.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wirft dem Eiskunstlauftrainer vor, mindestens vier schutzbefohlene Kinder über Jahre roh gequält und sexuell mißhandelt und so in ihrer körperlichen und psychischen Entwicklung schwer geschädigt zu haben. Vor Gericht erscheint der Trainer seit Anfang September, in Jeans und mit Goldrandbrille, als kumpelhafter Biedermann. Fajfr, der aus Brünn/Tschechien stammt, hat selbst bereits im Alter von sechs Jahren auf dem Eis gestanden und es viermal zur tschechischen Vizemeisterschaft gebracht. Nach dem Prager Frühling setzte er sich nach Deutschland ab, wo er sein Töchterchen Scarlett zur deutschen Jugendmeisterin 1981 trimmte. Spätestens nach dem Medaillenerfolg seiner Schüler Riegel/Nischwitz war er der "Goldkarel" des deutschen Eislaufs - auch wenn Tina Riegel schon kurz nach den ersten Triumphen zusammenbrach und aus dem Eiszirkus ausschied.

Fajfrs Rechtsanwalt, Achim Bächle, hat vor vier Jahren, als Verteidiger im letzten großen Kriegsverbrecherverfahren gegen Josef Schwammberger, sowohl durch kritische Distanz gegenüber seinem Mandanten als auch durch große Sensibilität gegenüber den jüdischen Tatzeugen und Opfern überzeugt. Er hat, im Unterschied zu seinem Mandanten, die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen nicht angezweifelt. Ein schlechter Strafverteidiger wäre er allerdings, wenn er auf die Unschuldsvermutung zugunsten seines Mandanten verzichten würde. Das Gericht, heißt es im Strafgesetzbuch § 174 zum sexuellen Mißbrauch von Schutzbefohlenen, kann von einer Strafe absehen, wenn, unter Berücksichtigung des Verhaltens des Angeklagten, "das Unrecht der Tat gering ist".

Ist das Unrecht dadurch geschmälert, daß Nadine P. die Fragen ihres Trainers, ob die sexuellen Annäherungen "ihr etwas ausmachten", verneinte und auf die Frage, ob "ihr das Spaß mache", mit Ja antwortete? Aber, ergänzt die junge Frau vor Gericht: "Wenn er mich angefaßt hat, bin ich ganz steif geworden. Ich habe gar nichts gemacht. Weil ich Angst hatte, daß er mich anschreit oder schlägt. Wenn er fertig war, habe ich mein T-Shirt wieder angezogen und bin ins Bad gegangen." Kinderpsychologen kennen den Mechanismus von Abhängigkeit, Angst und Unterwerfung. Nadine, berichtet eine andere Zeugin, sei "Fajfrs Dienstmädchen gewesen, das wie ein Hund hinter ihm herlief und ihm die Wäsche wusch".

Nadine P. träumte schon im Alter von neun Jahren davon, ein Star auf dem Eis zu werden. Ihre Mutter hat sie darin unterstützt. Seit 1989 wurde die kleine Eisprinzessin von Karel Fajfr trainiert. Der "Meistermacher" galt in der bundesweiten Eislaufszene schon damals als gnadenloser Kinderschinder. Als sich Nadines federleichter Kinderkörper zu dem eines pubertierenden Mädchens entwickelte, wurde er brutal. "Titte", brüllte Fajfr jetzt übers Eis, wenn er Nadine zum Paarlauftraining kommandierte, "fette Sau", wenn sie nicht perfekt war. Als Therapie für immer höhere, weitere Sprünge und Pirouetten empfahl er dem Mädchen im Kreis ihrer Mitschüler, "sie müsse mal wieder ordentlich durchgefickt werden". Das Kind kuschte aus Angst, noch schlimmer gedemütigt zu werden.