Was hilft es schon, wie Gott in Frankreich zu leben? Das Tor zum Himmel liegt in England, in der Grafschaft Wiltshire. Duftende Azaleen, Flußzedern, Amber- und Tulpenbäume säumen den Weg zum Heaven's Gate. Von dieser Anhöhe blicken wir hinunter auf Longleat: ein sanft gewelltes Wiesental, das Schloß am See, eine Pastorale mit Eichen, Schafen und allem, was dazugehört, seit Capability Brown im 18. Jahrhundert solche Paradieslandschaften made in England schuf.

Freilich würde Parkmeister Brown sich wundern, käme er heute nach Longleat. Im Schatten seiner Bäume dösen Löwen und Tiger. Auch Antilopen grasen da, Zebras, Giraffen und Elefanten. Wenn irgendwo, dann ist die Arche Noah in Longleat gelandet. Und zwar 1965. Damals schlug ein Zirkusartist namens Jimmy Chipperfield dem 6. Marquess of Bath vor, Löwen in seinem Park anzusiedeln. "Müssen die Käfige nicht ziemlich groß sein, wenn da Autos durchfahren sollen?"

fragte der Lord. "Das ist der springende Punkt", erwiderte der Dompteur. "Wir werden die Besucher in Käfige sperren, nämlich in ihre Autos, und die Löwen frei herumlaufen lassen."

Als Ostern 1966 in Longleat Englands erster Safaripark eröffnete, warnte die Times vor dieser "gefährlichen Verrücktheit". Doch die Leute kamen zu Tausenden, und die Löwen von Longleat wurden zum Begriff. Sie brachten dem Lord Publicity, Cash und Dünger. Löwendünger, darauf schwor er, hielte das Rotwild von seinen Rosen fern, schon deshalb sollte man sich als Engländer Löwen halten.

Im Kreis der englischen Blaublüter, die Löwen bisher nur als Wappentiere kannten, war der Mann natürlich unmöglich. Dabei hatte er so verheißungsvoll angefangen. In Oxford gehörte er in den zwanziger Jahren zu den bright young people. Daß er selber kein so brillanter Kopf war, machte er reichlich wett durch Schloßpartys für seine Freunde. Der Schriftsteller Evelyn Waugh pries ihn denn auch als einen der "useful aristocrats", einen nützlichen Idioten.

Die schönen Tage von Brideshead, nach dem Krieg waren sie auch auf Longleat endgültig vorüber. Lordy, wie seine Freunde ihn nannten, erbte ein ziemlich heruntergewirtschaftetes 118-Zimmer-Haus samt Erbschaftssteuern in Millionenhöhe. Da half nur eins: Wenn man das Familiensilber nicht verkaufen wollte, mußte man es zur Schau stellen. Als erstes der großen britischen Adelshäuser öffnete sich Longleat 1949 einem zahlenden Publikum zur regelmäßigen Besichtigung. Nun stürmte das Volk die Salons, mit Picknickkörben und Eintrittskarten. Es war die verspätete englische Form der Französischen Revolution. Was für ein Schock das gewesen sein muß, wir können es nur ahnen angesichts der Spuren der Katastrophe im Breakfast Room. Alles nobel gedeckt, nur ein Platz mit allen Zeichen überhasteten Aufbruchs, die Morgenzeitung zerknüllt und vergilbt. Es ist die Times vom 1. April 1949 - von dem Tag, an dem die ersten Besucher hier auftauchten, die ersten von uns, die Störenfriede von Longleat.

Inzwischen sind in England mehr als 700 Herrenhäuser geöffnet, mit rund 50 Millionen Besuchern im Jahr. Der Marquess of Bath, einst bespöttelt, wird nun als Pionier des stately home business gefeiert, auf seinen eigenen Gütern gar als "der Vater des modernen Tourismus in diesem Lande". Longleat zeigt exemplarisch, wohin die Vermarktung historischer Mottenkisten führt: zum hochherrschaftlichen Rummelplatz.