Wenn Götter lieben, ist es bald aus mit ihrer Göttlichkeit. Wen Götter lieben, mit dem ist es bald aus. Für die meisten französischen Intellektuellen war Paul Valéry spätestens seit der Jahrhundertwende eine Art Gott, und ganz sicher war er ein Gott für Catherine Pozzi, die Paul Valéry 1920 kennenlernte und sich besinnungslos in ihn verliebte. Dabei war sie gewarnt: Erst kurz zuvor hatte sie seinen Selbstkommentar zu seinem Leonardo-Essay gelesen und hatte Valéry dabei mehr schaudernd als stolz als Doppelgänger empfunden, dem aus dem Wege zu gehen ihr ratsam erschienen war.

"Ich denke, also bin ich nicht": Noch konnte Catherine Pozzi Valérys Selbstdefinition aus seinen "Cahiers" nicht kennen. Sie selbst sah sich durchaus auch als Denkerin und hätte dennoch von sich sagen können: "Ich liebe, also bin ich." Die Konstellation war freilich noch komplizierter, als es diese Descartes-Paraphrasen suggerieren. Denn Catherine Pozzi liebte in Paul Valéry zuvorderst den unvergleichlichen Denker, den "Ebenbürtigen". Paul Valéry aber liebte in ihr zwar auch die Denkerin, aber nicht zuvorderst als Denker, sondern als Mann. Das bereitete ihm schlechtes Gewissen und ihr wenig Lust. Überdies war er weit älter als sie - und verheiratet war er auch. Auch Catherine Pozzi war verheiratet, als sie Valéry traf, doch sie, die das Absolute nicht nur - wie er - im Denken suchte, ließ sich bald scheiden, während er gar nicht daran dachte, sich scheiden zu lassen, allerdings auch nicht von ihr lassen konnte.

Was sich so respektlos verkürzt wie die Vorlage für eine geistreich-frivole Sacha-Guitry-Komödie ausnimmt (und was sicher auch reichlich Stoff abgab für Paul Valérys eigene Komödie "Mon Faust", die er am Ende seines Lebens schreiben sollte), spielte sich realiter als Tragödie ab, die zumindest die weibliche Protagonistin nicht lange überlebte. Paul Valéry überlebte zwar - und überlebte sogar noch zwei weitere Leidenschaften, aber auch er trug schlimme Schrammen davon, die der Zynismus seines Faust nur dürftig zu kaschieren vermag.

Als Catherine Pozzi in Paul Valérys Leben trat, wähnte sich dieser noch unverwundbar durch Gefühle. "Dummheit ist nicht meine Stärke": Mit diesem Satz wie mit einem Fanfarenstoß beginnt Valérys 1895 entstandener "Abend mit Herrn Teste", und zweifelsohne betrachtete sich Valéry als Alter ego dieses Herrn Kopf. Dumm und verdummend erschienen ihm die viel zu vielen und viel zu vagen Gefühle. "Ihretwegen", meinte er, "werden wir von Männern, von Frauen, von Umständen beherrscht" - und, hätte er hinzufügen können, von Romanen und Gedichten. Jedenfalls hatte er in einer Genueser Gewitternacht des Jahres 1892, die er nachmalig zur Hauptzäsur seines Lebens er- oder verklärte, nicht nur der Liebe abgeschworen (die ihn in Person der unerreichbaren "schönen Katalanin" Frau von R. schwer verwundet hatte), sondern auch der Dichtung, durch die ihm diese "Erfindung der Liebe" in die Welt gekommen schien. Fortan galten ihm nicht mehr seine Gedichte und dichterischen Dialoge, die ihn so früh berühmt gemacht hatten, als sein wahres öuvre, sondern allein die Aufzeichnungen seiner "Cahiers", in denen er ab 1894 bis zu seinem Tode 1945 nahezu täglich in der ersten Morgenfrühe den Geist gegen die Gefühle ins Feld führte und ein beispielloses Bollwerk gegen das Leben errichtete, das zumindest bis 1920, also bis zum Auftritt Catherine Pozzis, auch standhielt.

Siebenunddreißig Jahre alt war Catherine Pozzi, als sie Paul Valéry im Sommer 1920 begegnete, und mit Glück gesegnet war sie bis dahin sicher nicht. Zwar wuchs sie im Wohlstand - mit englischer Gouvernante, deutschem Kindermädchen und Privatlehrern - in einem Elternhaus auf, in dem das feine Paris verkehrte. Sie litt jedoch schwer unter den Spannungen zwischen ihren Eltern, die sich auch als Glaubensstreit äußerten. Der Vater, ein berühmter Chirurg, kam aus einem protestantischen Pfarrhaus, die Mutter aus einer reichen katholischen Lyoner Familie. Als Sechzehnjährige schon flüchtete Catherine Pozzi in die Musik und Literatur, schrieb Gedichte in französischer, englischer und deutscher Sprache und gab unter Einfluß von Taine- und Nietzsche-Lektüre ihren Glauben auf, was ebenso zu einem Familienskandal führte wie ihre Leidenschaft für eine Amerikanerin, die sie 1903 im Engadin kennenlernte. Ihrer androgynen Ausstrahlung verdankte Catherine Pozzi noch weitere weibliche Eroberungen, aber 1909 heiratete sie, die gerade ein kurzes Oxford-Studium absolviert hatte, den erfolgreichen, mit Sensibilität aber nicht gerade geschlagenen Theaterautor Edouard Bourdet und brachte noch im selben Jahr ihren Sohn Claude zur Welt.

Mit den ersten Anzeichen ihrer Tuberkulose und der zunehmenden Entfremdung von ihrem Mann nahm sie wieder Zuflucht zu ihrem Tagebuch, das sie schon als Halbwüchsige zu führen begonnen hatte. Aus ihm wissen wir von einer tiefen, aber platonischen Beziehung Catherine Pozzis zu dem Schriftsteller André Fernet, der 1916 als Pilot im Luftkampf über Lothringen fiel. Noch bevor ihr Vater 1918 von einem seiner Patienten ermordet wurde, war Catherine Pozzi zu ihrer vom Vater getrennt lebenden Mutter nach Montpellier gezogen, wo sich der Juraprofessor Gaston Morin in sie verliebte, mit dem sie eine neue Ehe erwog. Doch jetzt trat Paul Valéry auf den Plan. Bereits im September 1920, als Catherine Pozzi ihn nach La Graulet, in das bei Bergerac gelegene Ferienhaus der Pozzis, einlud, kam es zum emotionalen Höhepunkt einer Beziehung, für die das Attribut stürmisch noch eine Untertreibung wäre und die noch acht Jahre fortdauern sollte, obwohl die Qual bald das Glück überwog.

Paul Valéry und Catherine Pozzi pflegten ihre Aufzeichnungen gern untereinander auszutauschen; sowohl in ihrem Journal wie in seinen "Cahiers" finden sich handschriftliche Randbemerkungen des jeweils anderen. Allerdings kann Catherine Pozzi unmöglich alle jene Notate gekannt haben, die uns heute in den Ausgaben von Valérys "Cahiers" unter der Rubrik "Eros" bekannt sind und die vornehmlich Valérys Beziehung zu Catherine Pozzi reflektieren. Sie hätte andernfalls sofort die Flucht ergreifen müssen.