Eine Zensur findet nicht statt", so steht es im Grundgesetz. Dies gilt jedoch nicht uneingeschränkt. So wacht etwa die dem Ministerium für Familie und Jugend zugeordnete Bundesprüfstelle (BPS) über den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Die Rechte der mündigen Bürger regeln - unter anderem - die Paragraphen 131 und 184 des Strafgesetzbuchs. Diese Spielregeln gelten auch für Comics.

Wie sich an den Listen der von der Prüfstelle indizierten Titel unschwer erkennen läßt, spielt die Graphische Literatur in der Arbeit der Behörde eine eher untergeordnete Rolle. Die Konsumenten dieser Lektüre spielen die Entscheidungen der BPS gern hoch. Gründe dafür sind die generelle Rechtsunsicherheit und fragwürdige Indizierungen in der Vergangenheit. Die sind nur nach erneutem Verfahren wieder aufhebbar. So kommt es, daß ein unter heutigen Maßstäben kaum anfechtbares Buch wie "Polonius" von Jacques Tardi noch immer auf dem Index steht.

Zu Anfang der achtziger Jahre machte der Comic in Deutschland einen Evolutionssprung. Aufgrund von Pillenknick und nostalgisch bestimmten Trends verlagerte sich die Zielgruppe der Verlage vom Kind und Jugendlichen hin zum erwachsenen Leser. Seither werden diejenigen Comics, welche die Entwicklung der Graphischen Literatur bestimmen, nicht mehr am Kiosk, sondern ausschließlich in Buchhandlungen und Spezialläden angeboten. Wandel des Umfelds, Wandel des Mediums: Aus dem Groschenheft für alle wurde eine elitäre Belletristik für Besserverdienende.

Wenn also die Bundesprüfstelle heute einen Comic indiziert, also Vertriebsbeschränkungen verfügt, so berührt das am wenigsten diejenigen, die gemeint sind. Die Comicverlage klagen ja geradezu, daß ihnen keine Leserschaft in den jüngeren Rängen nachwächst. Bei den Kids haben Comics ihre Leitbildfunktion verloren. Will sich der Jugendliche der Neunziger "sozialethisch desorientieren", stehen ihm mit Fernsehen, Video und Computernetz wirksamere Medien zur Verfügung.

Auch die Bundesprüfstelle hat ihre Tätigkeit inzwischen auf diese neuen Medien konzentriert. Kürzlich fand das bayerische Landesjugendamt das Buch "Bullenklöten" des Erfolgsautors Ralf König ("Der bewegte Mann") geeignet, bei "Kindern und zartbesaiteten Jugendlichen zu Verstörung und/oder Desorientierung" zu führen (siehe ZEIT 27/95). Das Zwölfergremium der Bundesprüfstelle entschied am 6. Juli, dem Kunstvorbehalt (Grundgesetz Artikel 5, Absatz 3) in diesem Fall größeres Gewicht als dem Jugendschutz zu geben, und berücksichtigte, daß es sich bei "Bullenklöten" nicht um einen "kindgerechten" Comic handele. Mit Hinweis auf die Freiheit der Kunst kann eine drohende Indizierung von Comics heute fast immer abgebogen werden. Das gilt insbesondere, wenn es sich nicht um Pornographie, sondern um Gewaltdarstellungen handelt. Im Gegensatz zu Gewalt sei Pornographie immer jugendgefährdend, sagt der Gesetzgeber. Nach den erwähnten Veränderungen im Konsum von Comics liegt es nahe, bei Verboten in erster Linie an den Schutz der "Senioren" zu denken. Es ist noch gar nicht lange her, daß der Handel mit lustvoller Literatur auch zwischen Erwachsenen strafbar war. Heute darf Pornographie verbreitet werden, solange sie Jugendlichen nicht zugänglich ist. Ausnahmen sind nach Paragraph 184 StGB pornographische Darbietungen in Zusammenhang mit Gewalt, mit Kindern oder Tieren, die weiterhin auch Erwachsenen verboten bleiben. Verboten sind auch rassenhetzerische Darstellungen sowie Schriften, "die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt" (Paragraph 131 StGB).

Aus den Erfahrungen mit Boulevardpresse und Fernsehalltag weiß jeder, daß dieser 131 StGB ein Gummiparagraph ist. Auch die moderne Comicliteratur folgt dem Trend: Die Sucht nach immer stärkeren Sensationen geht einher mit dem Einsatz von physischer Gewalt. Über Medien wie Comic oder Film ist dieser Nervenkitzel ohne Gefahr für das eigene leibliche Wohl abzurufen. Was für das Kino "Natural Born Killers", ist für den Comic Darrow/Millers "Hard Boiled", wie die beiden daraus gezeigten Köpfe (oben rechts und ganz unten) anschaulich machen.

"Der Comic" in seiner Gesamtheit ist nicht gewaltträchtiger als "der Film" oder "die Nachrichtensendung". Leider eignet sich auch die Bild-Erzählung ganz vortrefflich, Gewalt ästhetisch reizvoll darzustellen, wie das Bild in der Mitte aus Simon Bisleys "Judge Dredd" demonstriert. Wenn Bisley Köpfe zerspringen läßt, hat das durchaus Aspekte des Schönen. Wenn Frank Millers Protagonist Marvin in "Sin City" einen Menschen zu Brei schlägt, bleibt einem der Mund offen - vor lauter Zeichenkunst. Gewalt hat in dieser ästhetischen Überhöhung nichts Häßliches, nichts Gemeines mehr. Da liegt die Gefahr.