Mit der Parole "Wir oder das Chaos" hatte die regierende (rechtsliberale) Sozialdemokratische Partei Portugals (PDS) versucht, ihren Niedergang aufzuhalten.Doch die Drohung fruchtete nicht.Mit rund 44 Prozent der Stimmen entschieden sich die Portugiesen bei der Parlamentswahl am Sonntag für die oppositionellen Sozialisten von Staatspräsident Mßrio Soßres und vor allem für ihren eloquenten Führer António Guterres.Er soll nun als Chef einer Minderheitsregierung in den Jahren Portug al führen, in denen sich entscheidet, ob und wann das Land bei der Europäischen Währungsunion mitmachen wird. Im Parlament dürfte über das Thema Europa häufig kontrovers diskutiert werden, denn die Maastricht-Gegner von der rechten Volkspartei (Partido Popular) konnten unter ihrem jungen Führer Manuel Monteiro ihre Prozentzahl verdoppeln.Mit neun Prozent sind sie zwar noch keine große Partei, lösen aber die Koalition aus Kommunisten und Grünen (CDU) von ihrem dritten Platz ab.Die Volkspartei kündigte bereits an, sie werde so schnell wie möglich eine Verfassungsänderung beantragen, um mit deren Hil fe ein Referendum über Maastricht zu erzwingen. Die beiden großen Parteien, die siegreichen Sozialisten ebenso wie die unterlegenen Sozialdemokraten, haben sich allerdings eindeutig für die Ziele von Maastricht entschieden.Doch vor diesem Ziel liegt für den neuen Premier Guterres eine steinige Wegstrecke.Die Konvergenzkriterien von Maastricht schränken den Handlungsspielraum der Regierung entscheidend ein.Und der Versuch, sich an ihnen zu orientieren, könnte durchaus die Euroskeptiker bestärken. Der Beitritt zur EG hatte Portugal in den achtziger Jahren zu einem beachtlichen Wachstum von jährlich vier Prozent und mehr verholfen.Doch Anfang der neunziger Jahre kam dann die Ernüchterung: Ein ausuferndes Haushaltsdefizit sowie der Versuch, mit hohen Zinsen die Inflation unter Kontrolle und den Escudo in der Bandbreite des Europäischen Währungssystems (EWS) zu halten, trafen die portugiesische Industrie hart.Für den Wirtschaftsprofessor Augusto Mateus "hat die Politik, die Inflation unter K ontrolle zu halten, sehr nachteilige Konkurrenzbedingungen für die portugiesischen Unternehmen geschaffen".Rund fünfzehn Prozent der Unternehmen, die an einem aus EU-Geldern geförderten Entwicklungsprogramm teilgenommen hatten, seien heute zahlungsun fähig. Die Konvergenzpolitik gerät daher zunehmend unter Beschuß.Der führende Industrieverband AIP (Associaçao Industrial Portuense) wünscht sich eine Politik, "die nicht die Erfüllung der Konvergenzkriterien über die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stellt".Auch der europäische Binnenmarkt, der die Grenzen für Einfuhren weit öffnete, machte manche Fabrik in Portugal überflüssig.So will etwa Renault, seit vielen Jahren im Land, gegen entschiedene Proteste der Regierung ein Werk schließen. Portugal weist in diesem Jahr den stärksten Zuwachs an Arbeitslosen in der EU auf.Allerdings ist das Niveau mit rund sieben Prozent im europäischen Vergleich immer noch relativ niedrig.Die Portugiesen wollen sich damit allerdings nicht trösten - jeder verlorene Arbeitsplatz wird hart umkämpft.In Marinha Grande herrschte zwei Tage Chaos und brannten Reifen, weil die Arbeiter nicht für die Fehler des Managements einer Glasfabrik büßen wollten.Und auch die Mitarbeiter des Renault-Werkes ver suchten mit Streiks, die Schließung zu verhindern.Bei den von ABB übernommenen Werken der Sorefame sitzen die Arbeiter wegen drohender Entlassungen statt in der Fabrik immer öfter vor dem Verwaltungssitz der Firma.Die Kostensenkungen werden vom B innenmarkt erzwungen, denn das bisherige Monopol der Firma für Schienenfahrzeuge in Portugal gehört nun der Vergangenheit an. Während eines Wahlkampfduells mit seinem Gegner Fernando Nogueira sagte Guterres über die Lage der Wirtschaft: "Sie ist nicht schlecht, sie ist sehr schlecht."Er kritisierte die "unverantwortliche Politik" der alten Regierung, die die Aufwertung des Escudo zugelassen habe.Und er sorgt sich um die Arbeitslosen, auch wenn das Nachbarland Spanien viel höhere Zahlen meldet.Denn, so sagt er, "arbeitslos in Portugal zu sein ist nicht das gleiche wie in Spanien.Ich kenne viele Portugiesen, die zum Arbe iten nach Spanien gehen, aber keinen Spanier, der zum Arbeiten nach Portugal kommt." So sieht das Programm der Sozialisten die Schaffung von Arbeitsplätzen und ein garantiertes Mindesteinkommen vor; außerdem befürwortet Guterres neue Staatshilfen für Unternehmen.All dies bedeutet im Prinzip mehr Ausgaben aus dem Staatshaushalt.Guterres betonte aber im Wahlkampf auch mehrmals, er wolle mit Einsparungen, einer Steuerreform und der Bekämpfung von Steuerflucht und -betrug das Haushaltsdefizit auf die in den Kriterien von Maastricht gefordert en drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts drücken."Ich bin überzeugt, daß es möglich ist, makroökonomische Politik mit der Unterstützung der Unternehmen zu verbinden." Hinter dem Willen, bei der dritten Phase der Währungsunion dabeizusein, steckt die Angst, in einem nach Osten erweiterten Europa oder einem Europa mit zwei Geschwindigkeiten keinen Platz zu finden.Vor allem das als übermächtig geltende Deutschland würde mit ängstlichen Augen betrachtet, kam doch gerade aus diesem Land mit der starken D-Mark und der alles bestimmenden Bundesbank die Idee, die Währungsunion zunächst mit einem harten Kern zu beginnen. Unzufriedenheit über Europa wurde auch durch die als Niederlage empfundene Einigung Brüssels im Fischereistreit mit Kanada genährt.Die Fischer fühlten sich von Europa im Stich gelassen, nachdem Portugal als einziges Land gegen die vereinbarte Verringerung der Fangquoten gestimmt hatte.Immerhin ist die portugiesische Hochseeflotte seit dem Eintritt in die Europäische Gemeinschaft um siebzig Prozent geschrumpft.Für die Flottenbesitzer sei deshalb die Einigung "eine Schande für die Ge meinschaft und ein Verbrechen für die portugiesische Fischereiflotte", sagte der Präsident des Fischereiverbandes, Pedro França. Aber der alte Regierungschef Cavaco Silva sah in der Fischfrage "keine dramatische Situation", die es rechtfertigte, sich gegen ganz Europa und Kanada zu stellen.Für ihn seien "die Waffen Portugals die der Diplomatie".Und das wird auch weiterhin für seinen Nachfolger Guterres gelten.Nur ist er der Meinung, daß die bisherige portugiesische Regierung "unglücklicherweise wenig internationalen Einfluß" hatte.Guterres setzt darauf, gemeinsam mit den anderen "Kleinen" in der EU den internationalen Ein fluß Portugals zu stärken.Dennoch wird bei Anlässen wie dem Fischereistreit immer wieder die Angst geschürt, Portugal könnte in Europa zu kurz kommen.Ein Zeitungskommentator schrieb: "Die Spanier rauben uns das Wasser.Die Kanadier kürzen uns den Heil butt.Die Franzosen nehmen uns Renault weg.Portugal stimmt dagegen, protestiert, verhandelt . . .Es ist das Gesetz des Stärkeren, sagen die Zyniker.Und Portugal ist, so predigen es die Bücher und beurteilt es die Geographie, wieder einmal eines der kl einen Länder."