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Als das Unternehmen 1990 angekündigt und begonnen wurde, gab es kaum kritische Einwände. Das erste Bedenken hätte dem "Taschengoedeke" gelten müssen, einer schon von den Zeitgenossen 1924 bemäkelten Erstausgaben-Bibliographie des Bücherliebhabers Leopold Hirschberg, die zur Grundlage für dieses gewaltige Unternehmen der Literatur-Reproduktion auf Mikrofiches gemacht werden sollte. Vom vielbändigen und wahrlich großen "Goedeke" hat der "Taschengoedeke" nur den Namen entlehnt, darüber hinaus hat er nichts mit Goedeke zu tun.

Der "Taschengoedeke" hat arge Mängel. Einer der frühen Kritiker von 1924 hat ihn "ein Ärgernis" genannt. Durch seine bloße Existenz hat er verhindert (und tut dies heute noch), daß ein besseres, solideres Nachschlagewerk dieser Art erarbeitet wurde. Als bibliographisches Hilfsmittel bei der wissenschaftlichen Arbeit taugt er nicht. Bei Antiquaren und Sammlern gilt er als wenig zuverlässig und wird nur gelegentlich zur ersten und raschen Orientierung über einen Titel zu Rate gezogen. Er ist zu weiten Teilen durch buch- und editionsgeschichtliche Forschungen und personalbibliographische Arbeiten überholt. Die Angaben zum 17. Jahrhundert sind dürftig; noch dürftiger ist die Literatur der Zeit nach 1850 vertreten. Sein einziger Vorzug besteht darin, daß er die engen Fachgrenzen der etablierten germanistischen Literaturwissenschaft überschritten hat und mehr bietet als diese, nämlich ". . . die ausländische [Literatur] in Übersetzungen vom grauesten Altertum bis zur Neuzeit, die Philosophie von Plato bis Nietzsche, die Graphiker von Chodowiecki bis Wilhelm Busch, die Musikwissenschaft von Bach bis Robert Franz, Zahlloses aus den Grenzgebieten (Kulturgeschichte, Volkskunde, Theologie usw.) . . ."

Diese Vorzüge sollte man sich vergegenwärtigen, da die Entscheidung für den "Taschengoedeke" einmal gefallen und nichts mehr zu ändern ist. Allein der Bücherberg, der sich vor dem inneren Auge auftürmt, kann einem den Atem verschlagen. Wenn von rund 20 000 Werken die Rede ist, von 3400 Autorinnen und Autoren (von 1650 bis 1900), von 44 000 Bänden, die knapp 11 Millionen Buchseiten enthalten, wird niemand der Behauptung des Verlages Saur widersprechen wollen, daß so viel an Texten der deutschen Literatur noch nie auf einer Stelle zusammengebracht worden ist. Selbst eine Bibliothek mit reichen Beständen wie die Bayerische Staatsbibliothek hat mit Bedauern feststellen müssen, daß bestenfalls 28 Prozent der im "Taschengoedeke" versammelten Literatur in ihrem Hause vorhanden sei. Wenn dieses alles in handlichen Kästchen in Pantoffelnähe des Liebhabers oder des literaturwissenschaftlichen "Endverbrauchers" aufgestellt werden könnte, dann wäre fast ein Menschheitstraum in Erfüllung gegangen, ein unermeßlich reiches literarisches Schatzhaus für jedermann wäre eröffnet. Die chronischen Nöte der Textbeschaffung hätten ein Ende. Nicht mehr müßten die raren Erstausgaben den postalischen Gefährdungen des Leihverkehrs ausgesetzt werden, nicht mehr müßte der immer häufiger gestellten Forderung Folge geleistet werden, die Literatur an dem Orte zu benutzen, wo sie archiviert ist, kein vom Verfall des Säurefraßes bedrohtes Buch müßte Lektüre und (schlimmer noch) Kopiertwerden mehr über sich ergehen lassen, seine materielle Existenz könnte erhalten, sein Zerfall aufgehalten werden.

Der "Taschengoedeke" soll ja, glaubt man den beim Start abgegebenen Absichtserklärungen, nur ein Anfang sein. Das Unternehmen könnte ausgebaut, abgerundet, mit den Titeln anderer Verzeichnisse ergänzt und vervollkommnet werden, Supplemente wären möglich. So steht es im Prospekt. Und nimmt man sich fernerhin Hans Wollschlägers Worte wohl zu Herzen, daß nun "die Literaturleser selbst in die Lage (versetzt sind), sich schlechterdings jeden ihrer bisher vergeblichen Wünsche zu erfüllen", und vergißt man darüber auch nicht, daß insbesondere die Literatur vergessener und unbeachteter Dichter wieder zugänglich gemacht werden sollte, so wird man bald von Zuversicht, ja Überschwang und Euphorie gepackt werden, wie sie ja auch die frühen Informationsschreiben und Subskriptionsa ufforderungen des Verlages ausstrahlen.

Die Bibliothekspraktiker aber wahrten eine gewisse Zurückhaltung; nicht alle sahen in dem Angebot eine Verlockung; manche bedachten die Aufstellungs-, Benutzungs- und Katalogprobleme, erinnerten sich der Schicksale ähnlich großangelegter Projekte, auch wollten sie lieber erst das Produkt sehen, ehe sie sich zu einer Entscheidung durchringen mochten - kurz, es gab da eine vom Ton der Prospekte merklich abweichende grämliche Kleinmütigkeit. Der vom Verlag erhoffte Bestellungsansturm blieb aus. Saurs Preiskalkulation beruhte auf der Annahme von 600 herzustellenden Exemplaren, für die der Verlag wohl anfänglich auch Verkaufschancen gesehen haben muß. Dem Hörensagen nach sind bis heute aber nicht mehr als 70 Stück verkauft. Das muß bei einem vermutlichen Longseller keine Katastrophe sein. Außerdem hatte sich ja die Kulturstiftung der Länder, die die Idee überhaupt aufgebracht hatte, mit 1,2 Millionen Mark an den Kosten beteiligt. Das Geld soll aber zurückfließen, sobald "die Edition sich zu tragen beginnt", wie Jan Philipp Reemtsma, einer der Förderer und Verteidiger des Projektes, sich ausdrückt, jenseits also der ersten 250 verkauften Exemplare.

Für die Freie Universität Berlin wurde das Kolossalwerk alsbald zum Einführungs- und Vorzugspreis von 27 800 Mark bestellt (4000 Mark gespart) und im voraus bezahlt, doch nicht aus den laufenden Bucherwerbungsmitteln der Universitätsbibliothek. Ein Hochschullehrer des Fachbereichs 16 (Germanistik) hatte die Bedeutung des Werkes erkannt und wollte es als Quelle und Hilfsmittel für seine künftige Arbeit nutzen. Er erhielt Berufungsmittel in angemessener Höhe, die dann auch für diese Anschaffung verwendet wurden. Die Fachbereichsbibliothek hatte keine Aufstellungs- und Benutzungsmöglichkeiten, so wurde die "Bibliothek der deutschen Literatur" zunächst in der Erwerbungsabteilung der Universitätsbibliothek aufgestellt, wo man sich einzelne Fiches zur Benutzung an den Lesegeräten im Lesesaal ausleihen kann. Gelegentlich habe ich als der für Germanistik zuständige Fachreferent im Laufe der Jahre den einen und anderen flüchtigen Blick auf die wachsende Zahl der Kästen und in die begleitenden Listen geworfen, aber erst jetzt, nachdem die Fiches vollständig geliefert sind, habe ich mir das Ganze mit der Hilfe des vorläufigen Gesamtverzeichnisses, das ein wenig übertrieben als "Bibliographie und Register" betitelt ist, einmal näher angesehen.