Dies ist die Geschichte des Klaus Volkmann, der zur Zeit der Judenvernichtung im galizischen Kolomea als Kreishauptmann gleichsam Administrator eines Schlachthauses war, nach dem Kriege als linksliberaler Sachbuchautor und Journalist Peter Grubbe in FAZ und Welt, im Stern, der ZEIT und dem NDR gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung antrat, sich in den Medien bis zur vergangenen Woche den Ruf einer moralischen Instanz erwarb und sich nun, da sein langgehegtes Geheimnis plötzlich gelüftet ist, da rüber wundert, daß die Zusammenführung beider Stränge seiner Biographie eine veritable Enthüllungsstory ergibt. Gewiß, fünfzig Jahre nach Kriegsende hat man hierzulande einiges gehört von Menschen, die, ohne selbst wahrhaftig zu sein, Wahrhaftigkeit einfordern, die verdrängen, die camouflieren und zugleich beinahe besessen Wiedergutmachung zu leisten versuchen.Aber die Geschichte der Doppelperson Volkmann/Grubbe gehört doch zu den bizarrsten Fällen, seit deutsche Täter und Mittäter ihrer Vergangenheit entrinnen wollen. Peter Grubbe/Klaus Volkmann ist heute 81 Jahre alt.Er lebt in einem hellen Flachdachbungalow im holsteinischen Lütjensee und arbeitet dort an einem neuen Buch über das Versagen der Entwicklungshilfepolitik. Wieder mal ein wichtiges, ein verdienstvolles Thema.Doch wer will davon noch etwas wissen, seit die Berliner tageszeitung berichtet hat, er habe "den Tod von 30 000 Juden mit zu verantworten"?Nun sitzt er also da, der späte Grubbe, ein feingliedriger Mann mit altersmildem Blick, und rechtfertigt sich für den frühen Volkmann.Drei Stunden lang dauert das Gespräch, aber es läßt sich, was die Verstrickung des Kreishauptmanns Volkmann in die "Endlösung" betrifft, in zwei Zeilen zusammenfassen: nichts gesehen, nichts getan und, vor allem, nichts verantwortet. Deshalb müssen, um der Fakten willen, zunächst Zeugen zu Wort kommen.Folgt man den Aussagen von Überlebenden wie Moses Schliesser oder Isaak Krauthamer, Maria Glasberg oder Filip Gotfryd, folgt man aber auch den Ergebnissen der historischen Forschung, so hat das galizische 40 000-Einwohner-Städtchen Kolomea eine "normale" Besatzungszeit nie erlebt.Die Auslöschung der Juden begann, kaum daß sich die Front im Sommer 1941 Richtung Osten entfernt hatte.Die kleine lokale Besatzertru ppe verwandelte schon das erste halbe Jahr deutscher Herrschaft in eine Art Dauermassaker.Wenn es ihnen gefiel, schossen Uniformierte im Vorüberfahren auf jüdische Passanten; manchmal trieben sie ein paar Dutzend Menschen im jüdischen Geflüg elschlachthaus oder auf dem Sammelplatz an der Kopernikusstraße zusammen und ermordeten sie; einmal wurde ein SS-Offizier blutverschmiert und mit Menschenhirn in der Hand in der Kneipe angetroffen. Auch Kolomea blieb von sogenannten "Aktionen" nicht verschont.Hunderte, manchmal Tausende mußten unter dem Vorwand der "Registrierung" antreten, um dann in Sechserreihen in ein Wäldchen vor der Stadt geführt zu werden.Dort, in Scheparowze, wurden die Opfer über Gruben erschossen.Als das Ghetto eingerichtet und die Lebensmittelration Null ausgegeben wurde, verhungerten täglich fünfzig bis sechzig Menschen.Eine vorsichtige Schätzung ergibt, daß bereits vor dem ersten Zugtransport ins neue Vernicht ungslager Belzec im April 1942 weit mehr als 5000 Juden rund um die Kleinstadt Kolomea erschlagen, erschossen oder zu Tode rationiert worden waren. Oberster ziviler Verwalter in dieser Mordarena war der Kreishauptmann.Der hieß von August 1941 bis Sommer 1942 Klaus Volkmann.Er war NSDAP-Mitglied, 27 Jahre alt, Volljurist und - seiner heutigen Erinnerung zufolge - dorthin geraten, weil ein Bekannter ihm empfohlen hatte: "Im ehemaligen Polen gibt's jetzt ein Generalgouvernement oder so was, geh doch mal da hin." Er ging und wurde alsbald Verwaltungschef eines Großraumes mit mehreren hunderttausend Einwohnern.Dort erhielt Volkmann weitreichende Kompetenzen, auch gegenüber der jüdischen Bevölkerung: Er ordnete die Kennzeichnung der Juden an; er befahl die Einrichtung von Ghettos; er zeichnete für deren (Null-)Versorgung verantwortlich; er verlangte die Abgabe des "jüdischen Nachlasses" (Pelze, Diamanten, Gold, Silber) im Gebäude der Kreishauptmannschaft; er bestätigte die Judenräte; sämtliche Befe hle deutscher Dienststellen an den Judenrat leitete er weiter.Als Machtbasis diente ihm eine bewaffnete Schutztruppe ("Sonderdienst"), mehrere Dutzend Mann stark. Die Juden Kolomeas haben Klaus Volkmann als eine der vier lokalen Besatzungsgrößen kennengelernt (neben den SS-, Schupo- und Gestapo- Chefs).Er fiel wegen einer, wie viele hofften, lebensrettenden Charaktereigenschaft auf: seiner Bestechlichkeit.Die positivste Äußerung, die über Volkmann zu Protokoll gegeben wurde, stammt von einem Überlebenden namens Philipp Hilsenrath: "Man sagt, er sei menschlicher als die anderen.Man konnte bei ihm gegen Geld etwas erreichen."Ein anderer Zeitzeuge, der Golds chmied Goldmann, beschreibt, wie "die schönsten Edelsteine" und der "schönste Schmuck für den Kreishauptmann auf die Seite gelegt" werden mußten.Als Volkmann Kolomea Mitte 1942 verließ, soll er "Marmeladengläser voll Gold aus jüdischem Besitz" besess en haben.So gibt es später der Führer des Gendarmeriezuges zu Protokoll. Wer den früheren Kreishauptmann Volkmann heute besucht und in Lütjensee dem soignierten Buchautor Grubbe gegenübersitzt, muß bei dem Versuch scheitern, das Bild der beiden Herren zu einem zu verschmelzen.Auch Grubbe hat offenbar seine Schwierigkeiten, wenn er vom Kreishauptmann Volkmann erzählt.Bestechlich?"Niemals!" - Bewaffnete Schutztruppe?"Die stand doch nur theoretisch unter meinem Kommando.Die SS hat mit den Leuten gemacht, was sie wollte." - Einrichtung des Ghettos?"Der Befehl kam von oben, den hab' ich doch bloß weitergegeben.In der Praxis haben das die Ukrainer und die SS gemacht." - Hungerkampagne gegen das Ghetto?"Die Polen haben auch gehungert." - Aushänge, die, von Volkmann unterschrieben, jedem Erschießung androhten, der den Judenstern nicht trug?"Solche Erlasse kamen per Kurier, und ich mußte sie unterschreiben." Deutet man die Erläuterungen Grubbes (1995) recht, so scheint sich Volkmann (1941) eine gewisse Realitätsresistenz zugelegt zu haben.Das andauernde Schlachten in der Stadt will er gar nicht wahrgenommen haben: "Sicher, nachts hat es fast immer geknallt, aber Exekutionen?So was hab' ich nie gesehen.Davon weiß ich nichts."Dasselbe sagt er von Selektionen. Die Frage ist bedeutsam, weil die Anwesenheit eines bewaffneten Uniformträgers bei einer Selektion oder einer Exekution als Beihilfe zum Mord gewertet werden kann.Im Falle des Klaus Volkmann ist das bereits geschehen, und zwar 1963, als der Untersuchungsrichter beim Landgericht Darmstadt eine Voruntersuchung einleitete.Mehrere Zeugen nämlich wollen gesehen haben, daß Volkmann im Wald von Scheparowze dabeigewesen ist, daß sein "Sonderdienst" die Gruben ausgehoben und daß er selb st geschossen hat. Als er schließlich 1967 dazu gehört wird, befällt Volkmann, wahrscheinlich weil er selbst Jurist ist, eine tiefe Vergeßlichkeit - wie übrigens die meisten der sechzig damals Angeschuldigten.Einzig seine Uniform kann er präzis beschreiben: "grau, zweireihig mit silbernen Knöpfen, Ärmel mit silberner Paspelierung, keine Schulterstücke, graue Tellerschirmmütze, schwarze Krawatte".Die Lage seiner Dienststelle, seine Aufgaben, die Aufgaben des Judenrates - alles unbekannt."Ganz dunkel" kann e r sich erinnern, daß er zur Zeit der ersten Massenerschießung "auf Inspektionsreise" war - wie übrigens viele der Angeschuldigten wahlweise auf Heimaturlaub, im Lazarett oder auf einem Lehrgang weilten. Am Ende wird im Prozeß um den Mord an den 30 000 Juden der Region Kolomea einem einzigen Angeklagten ein einziger Mord nachgewiesen.Zur Begründung schreibt das Gericht, die "Individualisierung" der Taten sei unmöglich gewesen.Welche Täter an welchem Tag dabei waren, konnte nicht mehr ermittelt werden.Mit anderen Worten: Das Gericht kapitulierte vor der Monstrosität und Komplexität des Geschehens.Im Fall Volkmann komme hinzu, daß ihm der Zweck der Selektionen als Zivilbeamter objektiv und subjekt iv nicht klargewesen sein müsse.Eine erstaunliche Feststellung des Gerichts, denn Volkmanns Stellvertreter (und Mitbewohner in seinem Haus in Kolomea) gibt im selben Verfahren zu Protokoll, er habe "spätestens im Dezember 1941" gewußt, was "Aussiedlu ng" und "Sonderbehandlung" bedeuteten. Immerhin, das Ermittlungsverfahren wird im Mai 1969 "mangels Tatverdacht" eingestellt.Gerade zwei Tage hat sich Peter Grubbe beim stern frei nehmen müssen, um als Klaus Volkmann in Darmstadt vernommen zu werden.Denn, so sagt er heute: "Natürlich hatte ich Henri Nannen bei der Einstellung nicht erzählt, daß ich einen zweiten Namen führe."Auch die journalistischen Beobachter des Kolomea-Verfahrens ahnen nicht, daß einer der Angeschuldigten ein renommierter Hamburger Kollege ist.Sogar der U ntersuchungsrichter rätselt herum.In einem Brief an den Hamburger Senat bittet er um Prüfung der Frage, ob Volkmann mit dem Journalisten Grubbe identisch sei. Er ist es, beinahe seit Kriegsende.Als Volkmann nach dem Krieg zu schreiben beginnt, erst in Jugendzeitschriften, von 1948 an als Londoner Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, legt er sich sofort das Pseudonym Peter Grubbe zu.Sein erstes Buch (1952) weist im Klappentext noch seinen wahren Namen aus.Später wird Grubbe vom Schriftstellernamen zum Gebrauchsnamen, viele journalistische Weggefährten und Freunde lernen über Jahrzehnte nur das Pseudonym kennen.Volkmann schrumpft zum Behördennamen: Bank, Paß, Krankenversicherung, Telephonbuch - bis heute. Den Verdacht, der Namenswechsel sei Teil einer Verschleierungsstrategie, weist Peter Grubbe weit von sich.Er habe ganz einfach nicht unter dem Familiennamen seines Vaters Hans-Erich, eines bekannten Militärhistorikers und Schriftstellers, schreiben wollen.Das klingt plausibel, doch warum hat Grubbe als Jurastudent 1937 bis 1939 für die Frankfurter Zeitung als Klaus Volkmann geschrieben?Lastete der Name des Vaters in jüngeren Jahren weniger auf ihm? Daß mit dem Namen auch die Kriegskarriere des Klaus Volkmann verschüttet wurde, hat für Peter Grubbe einen einfachen Grund: "Es hat mich ja niemand direkt danach gefragt."Derlei zu erfahren, sei "eine Holschuld der Gesellschaft".So hat sich etwa das "Munzinger Archiv", ein biographisches Nachschlagewerk, Volkmanns NS-Vita nicht ordnungsgemäß "abgeholt".Dort steht bis heute: "1939 zum Kriegsdienst eingezogen." Die Geschichte des Peter Grubbe weckt Erinnerungen an einen Fall, der erst vor ein paar Monaten in Aachen publik wurde.Der frühere Rektor der Technischen Hochschule, Hans Schwerte, ein überzeugter und überzeugender Liberaler, wurde als Hans Ernst Schneider enttarnt, Hauptsturmführer der SS und Leiter der "Zentralstelle des Germanischen Wissenschaftseinsatzes" in Heinrich Himmlers "Ahnenerbe".Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Schwerte/Schneider täuschte die Öffentlichkeit, inde m er seine Frau zweimal heiratete, als Schwerte und als Schneider.Auch promovierte er zweimal.Die Enttarnung traf ihn schwer, weil er gehofft hatte, er könne "in den Sarg gehen, ohne als Betrüger dazustehen".Volkmann/Grubbe hingegen täuscht sich s elbst, wenn er sich vormacht, in Kolomea nur "ein Aushängeschild" der Vernichtungsmaschine gewesen zu sein und ansonsten niemanden über seine Biographie im unklaren gelassen zu haben.Am Ende eines jahrzehntelangen Verdrängungsprozesses sagt er heu te: "Meine Geschichte ist doch eine ganz normale deutsche Geschichte." In Grubbes Wahrnehmung basieren alle Anschuldigungen auf einem tragischen Mißverständnis.Gewiß, als junger Assessor sei er nach Kolomea gekommen, sofort habe er aber gesehen, daß er helfen müsse.Unter Lebensgefahr habe er "sicher ein paar Dutzend, wahrscheinlich ein paar hundert" Juden zur Flucht über die Grenze nach Ungarn und Rumänien verholfen.Dageblieben sei er, weil sein Nachfolger gewiß ein SS-Mann gewesen wäre, "und dann hätten ein paar Dutzend Menschen weniger überlebt". Natürlich ist nicht ganz auszuschließen, daß Volkmann/Grubbe - ohne bestochen zu sein - Juden gerettet hat.Ein Indiz wäre seine freundschaftliche Beziehung zum Gouverneur von Lemberg, der von Himmler wegen Hilfe für Juden zum Tode verurteilt und später begnadigt wurde.Ansonsten spricht dafür aber nichts, am wenigsten die Berichte der Überlebenden.Hätte Volkmann/Grubbe Hunderten das Leben gerettet, wie es der gleichaltrige Bertold Beitz zur selben Zeit (nur wenige Kilometer entfernt in Dr ohobycz) tat, hätten die Überlebenden gewiß dafür gesorgt, daß Grubbe wie Beitz inzwischen geehrt worden wäre.Daß Grubbe seine Identität als Retter erst heute, gewissermaßen unter Aktenvorhalt, präsentiert, erklärt er mit seinem Charakter: "Ich k ann wahnsinnig schlecht lobend oder tadelnd über mich sprechen." Seine Selbstwahrnehmung hat Volkmann/Grubbe erlaubt, bruchlos in die Bundesrepublik einzutauchen. 1952 fliegt er zum ersten Mal nach Südasien und sieht dort jene, "die auf Steinen schlafen" (so der Titel seines ersten Buches).Dieser Anblick weckt in ihm sofort, was er sein "Helfersyndrom" nennt."Den toten Juden konnte ich nicht mehr helfen, aber dort sah ich Tausende, um die sich niemand kümmerte." Fortan bereist er rastlos die Dritte Welt und wird in den Medien zur mahnenden Stimme der Armen.Hunderte von Buchrezensionen zeugen über Jahrzehnte auch in der ZEIT von seinem Engagement.In der Gesellschaft für bedrohte Völker sitzt er im Beirat.Als Wiedergutmachung will er sein Streben freilich nicht verstanden wissen.Denn wer sich schon immer um Menschen bemüht hat, braucht nichts gutzumachen.So wird mit der Methode Grubbe Vergangenheitsbewältigung zur Vergangenheitsvergessenheit: "Man muß nic ht immer den eigenen Irrtum beschwören, das ergibt sich aus den Tatsachen.Man muß es besser machen." Weil ihn "immer nur die Gegenwart und die Zukunft interessieren", hat er sich die Frage nach der notwendigen Glaubwürdigkeit einer Journalistenbiographie nie wirklich gestellt.Und durch sein Schweigen kamen andere gar nicht auf den Gedanken, ihn danach zu befragen.Als sein früherer stern-Kollege Erich Kuby von den Grubbe-Recherchen der tageszeitung hört, notiert er: "Wären wir noch Kollegen im stern, so hätte ich für seine Entlassung plädiert." Peter Grubbe/Klaus Volkmann steht nun, 81jährig, vor einem Scherbenhaufen.Nicht, weil jemand seine Vergangenheit enthüllt habe, sagt er, denn da sei ja nichts zu enthüllen gewesen."Nein, ich bin mit meinen beiden großen Lebensprojekten gescheitert.Den Juden habe ich nicht wirklich helfen können und der Dritten Welt auch nicht."