Die Augen der 74jährigen Frau leuchten: "Es ist, als führe man zu einem guten Freund. Ich freue mich, ich freue mich schon einen Tag vorher."

Seit sechs Jahren packt Elisabeth Manderscheid jeden Freitag ihre braune Reisetasche. Vom Nachttisch nimmt sie ein Drewermann-Bändchen über die Liebe und steckt es ein. Von einem Plakat an der Wand beobachtet Drewermann melancholisch lächelnd das Tun der agilen Witwe. Die Frau verläßt ihr Häuschen am Fuß des Siebengebirges und steigt in den Zug. Ihr Ziel ist Eugen Drewermann im 200 Kilometer entfernten Paderborn.

Um den Theologen und Therapeuten ist es seit einiger Zeit still geworden. Aber noch immer erhält er über 2000 Vortragsanfragen pro Jahr. Die hundert, die er wahrnimmt, garantieren den Veranstaltern überfüllte Säle. Im Oktober wird unter dem Titel "An euren Gott wird niemand mehr glauben" Drewermanns Giordano-Bruno-Roman auf die Bühne kommen. Bruno als Alter ego des Autors: Vertreter einer Religion ohne Institution.

Am Samstagmorgen, kurz nach elf Uhr, verlieren sich die ehemalige katholische Religionslehrerin Manderscheid und etwa sechzig weitere Personen im Audimax der Paderborner Uni. "Da hätten Sie mal früher kommen müssen", räsoniert der Hausmeister, "vor drei Jahren waren hier manchmal tausend Leute beim Drewermann." Drewermann selbst nennt die Veranstaltung ein "auslaufendes Modell". Ein Lehrauftrag in Anthropologie war ihm 1992 nach seinem Berufsverbot als Priester und Privatdozent für Theologie als akademisches Asyl von den Soziologen angeboten worden, jetzt ist es eine Privatveranstaltung ohne Auftrag.

Die vielen Mikrophone auf dem Pult signalisieren trotzdem Bedeutsamkeit. Alte Bekannte begrüßen einander. Die Damen des "Solidaritätskreises Eugen Drewermann" betrachten Photos von einem Treffen mit dem abgestraften französischen Bischof Jaques Gaillot. Dann eilt Drewermann die Treppe herunter. Beifall. Die Kassettenrecorder werden eingeschaltet. Man horcht, lauscht . . . Drewermann liest das Manuskript des zweiten Bandes seiner Antidogmatik, an der er gerade schreibt.

Als Drewermann zur Illustration seiner Gedanken zwei Gemäldereproduktionen durch die lichten Reihen geben will, springen zwei Frauen auf, reichen sie weiter. Er selbst muß sich nicht vom Pult lösen. Eingespielt, ritualisiert läuft alles ab, wie in der Wochentagsfrühmesse einer Stadtkirche. Elisabeth Manderscheid ist begeistert, wie jeden Samstag: "In seinen Vorlesungen habe ich alles an kulturellen Dingen, was ich brauche, an musischen Dingen, an Gefühlen, die ich brauche, die von ihm ausgehen - einfach alles."

Der Sprecherin des Solidaritätskreises, Veronika Schumacher, sind solche Hymnen suspekt, weil zu emotional. Aber auch die Siebzigjährige gesteht, ohne seine Theologie und die Weitläufigkeit seines Denkens nicht mehr weitergewußt zu haben. Zu eng ist ihr die römische Kirchlichkeit von Kindertagen an. Besonders die Sexualmoral hat sie als freudlos und lebensfeindlich erlebt. "Notwendig und notwendend" für unsere Zeit sei Drewermann, und deshalb investiert die ehemalige Gymnasiallehrerin viele Stunden in den Solidaritätskreis. Ohne ihn, bekennt sie, wäre sie schon längst aus der Kirche ausgetreten.

Es sind vor allem Frauen, die im Solidaritätskreis arbeiten. Sie geben Informationen über Veranstaltungen mit Drewermann, tippen seine Vorträge ab, kopieren und verschicken die Mitschnitte, bereiten die Aula des Goerdeler-Gymnasiums für den Wortgottesdienst am Samstagabend vor. Es sind vor allem Frauen, die zu Drewermanns Vorträgen kommen. Die Geschlechterquote unterscheidet sich kaum von der einer Gemeindemesse.

Die Bremer Religionswissenschaftlerin Donate Pahnke wundert das nicht. Religiosität sei im westeuropäischen Kulturkreis Frauensache. Zudem fänden Frauen Drewermann attraktiv. "Er ist ein sanfter, ein fast zarter Mann. Frauen fürchten sich vor ihm nicht." Seine leicht traurigen, manchmal depressiven Gesichtszüge sprächen zudem in vielen Frauen die Mutter an.

Drewermann, bis in seine Vortragssprache therapeutisch offen, einladend, emphatisch menschlich statt erotisch männlich, kann sich auf seine Anhängerinnen verlassen. Die Litanei der Namen für ihn reicht von Prophet über Reformer bis zum neuen Jesus. Seine Gegner, so ist im Gespräch mit dem Solidaritätskreis zu hören, hätten ihn entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Dazwischen gibt es nichts. Eine Sekte sei man keinesfalls, es gehe nur um Drewermann. Tatsächlich siezen sich die Mitglieder des Solidaritätskreises. Drewermann eint sie, sonst nichts.

Täglich erreichen den Therapeuten an die vierzig Bitten um Gespräche. Zwanzig Stunden pro Woche hat er für die kostenlosen Seelsorgegespräche reserviert. Menschen reisen aus Bayern und von der Küste viele hundert Kilometer bis nach Westfalen, um ihn zu sprechen. Die kirchliche Seelsorge sei in einem katastrophalen Zustand, schließt der prominente Kirchenkritiker daraus. "Vier Fünftel unserer Bevölkerung werden von der Kirche nicht mehr integriert. Für diese vier Fünftel müssen wir dasein, möchte jedenfalls ich dasein", erklärt er seine Mission. Längst kann er nicht mehr alle Briefe selbst beantworten; zwei Schreibkräfte helfen ihm. Unglücklich über seine Popularität wirkt er aber nicht.

Elisabeth Manderscheid geht nach der Vorlesung in ihr Zimmer im Hotel am Paderwall. Wand an Wand mit dem Haus, in dem Drewermanns Wohnung liegt. Manchmal hat Drewermann Samstagmittags ein paar Minuten Zeit für sie in der Hotelhalle. Er ist hier täglich, um Fax und Telephon zu benutzen. Sie schätzt diese Nähe, die Gespräche, sein Zuhören: "Er hört sich alles an, hat Geduld mit einem und gibt einem so ein Vertrauen." Letztlich, sagt sie, habe er sie von ihrer Leukämie geheilt. Ich habe zwar auch eine Chemo gemacht, aber geheilt hat mich Drewermann, durch sein Sein, einfach durch sein Sein."

Zum abendlichen Wortgottesdienst setzen sich über 200 Leute in die ansteigenden Klappstuhlreihen der Schulaula. Wieder erinnert der kleine Mikrophonwald am Vortragspult an eine Pressekonferenz, Mitschnitte auf Kassetten und Photokopien von Vorträgen werden verkauft. Viele Paare finden sich hier ein, die meisten jenseits der Lebensmitte. Die Kleidung sonntäglich, mittelständisch. Wieder ein neunzigminütiger Vortrag, ausgehend von einem biblischen Text, unterbrochen durch Musik. Am Ausgang steht ein Körbchen für die Musiker. Die Raummiete hat der Solidaritätskreis bezahlt.

Nach der Veranstaltung reihen sich die Bittsteller am Pult auf. Briefe werden Drewermann übergeben, Gesprächstermine vereinbart, Unterstützungsbitten für Veranstaltungen überbracht, Bücher zum Signieren hingelegt. Ein paar persönliche Worte. "Wir lieben ihn doch alle hier", sagt Elisabeth Manderscheid, möchte das aber nicht falsch verstanden wissen. Ein wenig Angst hat sie vor den Semesterferien, dann fallen Vorlesung und Gottesdienst aus. Drewermann ist dann häufig unterwegs, und ohne ihn trifft man sich nicht.

Heil ist diese Welt nur an der Oberfläche. Einige sehr aktive Mitglieder des Solidaritätskreises, die sich gegen die kirchenrechtlich fragwürdigen Sanktionen des Paderborner Erzbischofs 1991/92 stark gemacht hatten, meiden die Veranstaltungen am Samstag und treffen sich in einer eigenen Gruppe. Martin Günther, Gründer und ehemaliger Sprecher des Solidaritätskreises, versteht nicht, daß die Gottesdienstbesucher klaglos die monatelange Pause hinnehmen. Es zeige deutlich, daß die Leute völlig auf Drewermann bezogen seien und kein Interesse aneinander hätten. Und dann sei da noch das Thema Eifersucht. Mißtrauisch schaue man sich um, wer wann wo und wie oft mit Drewermann spreche, wer für ihn was tun dürfe.

Günther hatte sich Aufbrüche in der Kirche, eine neue Form von Gemeinde erhofft und wurde enttäuscht. Gegenkirche, Gruppen und Gruppendynamik interessieren Drewermann nicht. Gemeindebildung findet nicht statt. Drewermanns Botschaft gilt den einzelnen. Der Vorwurf der Sektenbildung ist deshalb unbegründet. Drewermann hält sich selbst auch nicht für einen Reformator, weil er die Kirche für nicht reformierbar hält. Aber weder er noch sein Publikum schaffen den Schritt zum Kirchenaustritt oder zum wirksamen Protest. Es wirkt wie Ironie, daß der von seiner Kirche verstoßene Priester die Leute für die Kirche zu retten scheint. Der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sieht in dieser Haltung die eigentliche Gefahr, die von Drewermann ausgeht: "Er führt seine Anhängerschaft auf den Weg eines fundamentalen, weltflüchtigen Protestes. Diese Leute befassen sich zum Schluß nur noch mit ihren Seelen, statt die politischen und sozialen Probleme, unter denen sie leben, anzugehen."

Das Phänomen Drewermann: Er verlangt keine Verbindlichkeit, hört zu, statt zu drohen, bietet Verständnis statt moralischer Normen, sieht den einzelnen statt der Menge. Enttäuschte Katholiken und esoterische Sinnsucher finden in ihm jemanden, der ihnen Priester ist. Das Image vom Stadteremiten und Märtyrer, vom David, der gegen den Goliath Institution kämpft, gibt ihm die nötige Aura und Weihe - mehr, als es ein liturgisches Gewand könnte. Er ist in den Augen seiner Anhänger der, auf den das Los gefallen ist, den Kampf mit der Kirche stellvertretend zu führen. Ein Auserwählter - griechisch-lateinisch: ein Kleriker.

Elisabeth Manderscheid fährt sonntags wieder zurück. Im Gepäck hat sie die neuen Kassetten, die sie sich täglich anhört. So begleite sie Drewermann im Geiste und im Alltag. "Ich brauche gar nichts anderes mehr, ich bin völlig frei durch ihn, in jeder Hinsicht frei und möchte fast sagen: glücklich."