Wer meint, die Geschichte der frühen Bundesrepublik sei, verglichen mit der DDR-Geschichte, doch eher langweilig, schaut möglicherweise nicht genau genug hin. Zwar sind die westdeutsche Außenpolitik und ihre Westbindung - an denen jetzt wieder ebenso eifrig wie entbehrlich herumgedeutet wird - in der Tat weniger attraktiv als die politischen Interna aus dem Kosmos der SED. Dennoch steht die Gesellschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik zu Unrecht im Schatten der Geschichtsschreibung, wie ein Hamburger Forschungsverbund beweist. Mit Arbeiten zum Beginn der Konsumgesellschaft (Michael Wildt), zur Motorisierung (Thomas Südbeck) und mit einem Sammelband zur "Modernisierung im Wiederaufbau" (siehe Zeit Nr. 40/1994) hat er hierbei Pionierdienste geleistet. Jetzt ist als vorläufiger Abschluß eine umfangreiche Bestandsaufnahme des Freizeitverhaltens und der Zeitgeistströmungen von Axel Schildt erschienen. Jenseits der Politikgeschichte stellen diese Arbeiten einen Durchbruch zu ernsthafter historischer Erforschung einer in vielem entscheidenden Epoche unserer jüngsten Geschichte dar.

Zeitgeist der fünfziger Jahre - da denkt man noch immer nostalgisch an Vollbeschäftigung, an das Gefühl, gebraucht zu werden und gemeinsam etwas aufzubauen. Das Blech und Plastik dieser Jahre wird rückblickend gern vergoldet, es war rund und geschwungen geformt statt zackig und runenartig wie noch wenige Jahre zuvor. Besondere Emotionen rufen bis heute vor allem Elemente der Jugendkultur und Relikte des materiellen Aufstiegs hervor. Das hängt wohl auch damit zusammen, daß in den Fünfzigern viele der bis dahin Unterprivilegierten nach Jahrzehnten der Unruhe endlich aus ihrer zeitgeschichtlichen Defensive herausgekommen waren. Die Sehnsucht nach Normalität war nach dem Krieg um so stärker, als sie zu einem großen Teil von abgedrängten Erinnerungen unterstützt wurde. Hinter hektischer Betriebsamkeit wurde vieles verborgen, was auf den (Nieren-)Tisch gehört hätte. Sicherheit und Stabilität der jungen Republik waren nicht selten mit politischer Übervorsicht und kulturellem Biedersinn erkauft. Dennoch fühlte man sich in jenen Tagen vor allem eines: modern.

Die langen fünfziger Jahre dauerten ungefähr von der Währungsreform bis zur Abdankung des "Alten aus Rhöndorf" im Jahre 1963. Das spannungsreiche Bild dieser "modernen Zeiten" hat Schildt jetzt auf einer breiten Quellengrundlage überprüft. Die Voraussetzungen für die historische Forschung sind dabei selten günstig: Aus sämtlichen Medienzweigen ist eine nahezu unüberschaubare Menge an Material überliefert. Seit der Nachkriegszeit ist zudem die systematische Sozialforschung und Meinungsbefragung zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden. Darüber hinaus gab es kaum mehr gewaltsame Quellenverluste, und nicht zuletzt sind noch zahlreiche Zeitzeugen verfügbar. Gegenüber deren Neigung zur Verklärung freilich führt Schildt den Leser durch ein zeitgeschichtliches Reinigungsbad, das mit bisweilen unbarmherzigen Zahlenreihen Maßstäbe zurechtrückt und den Kopf von zeitgenössischen Rechthabereien klärt.

Diese Zahlen sind freilich spannend und beeindruckend genug: Sie erweisen die fünfziger Jahre als sozialhistorisch einmalige Umbruchs- und Übergangszeit, in der viele Phänomene, die Deutschland seit dem Beginn des Jahrhunderts begleiteten, zu einem Abschluß gebracht wurden, während andere, die uns bis heute beschäftigen, hier ihren Ausgang nahmen: der Trend zur Kleinfamilie mit zwei Kindern, die Entwicklung der Konsumniveaus und Lebensstile, die Suburbanisierung in "aufgelockerte und geglieder te" Stadtlandschaften, die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Motorisierungswelle, die mit einer geographischen Mobilität verbunden war, der in begrenzten Maßen auch eine Erhöhung der sozialen Mobilität, des Geldes und der verfügbaren Freize it entsprach.

Rekonstruktion, Wiederaufbau und Normalisierung konnten rasch in ungeahnte Wachstumsdynamik übergehen, weil es sich nach 1945 politisch und ökonomisch nicht lediglich um eine "Restauration" handelte, sondern um eine Entwicklung unter gänzlich anderen Vorzeichen, als sie nach dem Ersten Weltkrieg gegeben waren. Das "Dritte Reich" hatte insofern geholfen, den Weg in die Moderne zu ebnen, als es in seiner Radikalität mit einer ganzen Reihe von überkommenen Traditionsbeständen "aufgeräumt" hatte. Selbst freilich hatte es wenig mehr als eine diffuse Erwartung komfortableren Lebens ins Werk gesetzt. Erinnert sei hierbei nur an die materielle Ikone dieser Erwartung, an den Volkswagen.

Der soziale Pragmatismus, wie ihn die Regierungen Adenauers im Angesicht kollektiver Schicksalslagen - Flüchtlinge, Kriegsbeschädigte, Mangel an Wohnraum - mit einigem Erfolg entwickelten, wurde zu einem Muster, an dem sich fortan das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik generell orientieren sollte. Ideologie wurde verdrängt von privaten Genüssen, Energien, die nicht im Wiederaufbau gebunden waren, gingen zunehmend in etwas ein, was man erst in diesen Jahren anfing, "Freizeit" zu nennen. Sie war vor allem der Häuslichkeit und dem Lesen von Büchern und Zeitschriften gewidmet, öffnete sich dann dem Tourismus und wurde immer stärker auch vom wachsenden Konsum des Radios und Fernsehens beherrscht.

Die neuen Medien begannen, den Alltagsrhythmus zu prägen, indem sie mit ihren Programmen in die Zeitbudgets ihrer Zuhörer hineinregierten. Nachrichten- und Quizsendungen brachten den Staatsbürger in uniformen Pantoffeln hervor, sie bewirkten damit einen fundamentalen Strukturwandel der Öffentlichkeit und begleiteten den Einstellungswandel zum zivilen Habitus einer repräsentativ organisierten demokratischen Gesellschaft. Was gerade das Fernsehen an kultur- und sozialnivellierenden Effekten bewirkt hat, stellt jeden politisch-ideologischen Einfluß in den Schatten und muß, wie Schildt zu Recht feststellt, als "sozialgeschichtlich revolutionär" angesehen werden.

Dem entsprach im übrigen ein struktureller Wandel in der Öffentlichkeit des Geistes; in diesem Maße wohl ein letztes Mal fanden öffentliche Meinungen "gehobenen" Anspruchs eine bereitwillige Zuhörerschaft, selten standen Gesprächskreise so in Blüte wie zu dieser Zeit. Hauptthemen der Reflexionen waren Technik und Entfremdung, Vermassung und Reizüberflutung, Konsumkultur und Amerikanisierung. Ein Großteil des dabei zur Schau gestellten gepflegten Kulturpessimismus war der Ahnung dieser "Sinnproduzenten" geschuldet, die Meinungsführerschaft an die verachteten Massenmedien abtreten zu müssen.

Es ist heute leicht, sich über den altväterlichen Ton erhaben zu fühlen, mit dem sich die Kulturkritik in den fünfziger Jahren über das Schicksal unserer "Seele im technischen Zeitalter" (Arnold Gehlen) sorgte. Doch darf man fragen, ob die Probleme selbst damit schon erledigt sind. "Modern" waren die Zeiten insofern, als sie der demokratisch verfaßten Industriegesellschaft institutionell und materiell zum Durchbruch verhalfen. Die Befürwortung der modernen Hochkultur muß damit bis heute nicht verbunden sein. Von einer Mehrheit wurde die "Moderne" nur bei solchen Dingen des täglichen Bedarfs akzeptiert, die zugleich praktisch waren und das Leben erleichterten. Über all dies gibt das Buch erschöpfende Auskunft. Schildt hat der Zeitgeschichte ein neues Feld erschlossen, und man hätte dem Autor allenfalls mehr Mut zu Brückenschlägen in die Politikgeschichte gewünscht - auch als Angebot an diese, es ihm hierin gleichzutun. Dem abschließenden Urteil dieser Studie nach können als wesentliche Erträge der Epoche Entspannung, Entkrampfung und Entideologisierung gelten. Daß das für eine wirklich pluralistische Gesellschaft noch nicht ausreichte, sollten freilich die Ereignisse des folgenden Jahrzehnts zeigen.

Axel Schildt:

Moderne Zeiten

Freizeit, Massenmedien und "Zeitgeist" in

der Bundesrepublik der 50er Jahre; Christians Verlag, Hamburg 1995; 733 S., 88,- DM