Herzogs Laudatio war keine. Wenn er zu begründen versuchte, warum die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen sollte, dann hörte sich das so an: "Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis gibt es keinen gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es keinen Frieden . . ." Der Friedenspreis als Resultat einer Deduktion. Das mußte knirschen. Aber wann immer Herzog seine Rolle als Laudator vergaß, gelangen ihm beeindruckende Passagen.

Sie waren von holzschnittartiger Grobschlächtigkeit, aber sie ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: "Einen Dialog gibt es nur, wenn niemand befürchten muß, wegen einer Äußerung gefangen, gefoltert oder ermordet zu werden. Diese Spielregel ist weder westlich noch östlich, noch sonst irgendwie geographisch relativierbar."

Der berühmte Streit um die Frage der Universalität der Menschenrechte wird angesichts solcher Formulierungen kenntlich als das, was er ist: eine akademische Übung. Es geht - das machte Herzog deutlich - nicht um die Einhaltung von Normen, sondern um das Selbstverständliche. Die Kritiker der Entscheidung des Börsenvereins haben immer wieder betont, daß sie genau da das Problem sehen: Frau Schimmel hat in zu vielen Situationen dieses Selbstverständliche nicht getan. Das ist kein Angriff auf ihr Werk, es disqualifiziert sie jedoch für diese Ehrung.

Die Rede der Preisträgerin wurde in der Paulskirche vor allem als Rührstück wahrgenommen. Die Dreiundsiebzigjährige wirkte gebrechlich und zart, ihre hohe Stimme hatte etwas Mädchenhaftes. Sie zu schützen saß man da. Ein amüsiertes Raunen ging durch den Saal, als sie von ihrem Lehrstuhl für Religionsgeschichte in Ankara sprach "zu einer Zeit, da es kaum Lehrstühle für Frauen in deutschen Universitäten gab", und befreites Gelächter honorierte ihr Ibn-Chaldun-Zitat, der Gelehrte sei derjenige unter allen Menschen, der am wenigsten mit der Tagespolitik vertraut sei. Man verstand die Anspielung und zeigte ihr das. Die Islamwissenschaftlerin fand keinen Begriff für "die Entwicklungen, die sich während der letzten Jahrzehnte in Teilen der islamischen Welt vollzogen haben", und die Friedenspreisträgerin fand keine deutlicheren Worte als diese: "Wir stehen weithin einem Ausdruck reiner Machtpolitik gegenüber, Ideologien, die sich des Islams als eines Schlagworts bedienen und mit seinen religiösen Grundlagen kaum noch etwas gemein haben." Sie spricht damit den Fundamentalisten ihr Fundament ab. Aber die Konfrontation - reine Machtpolitik dort, reiner Islam hier - ist naiv. Die Friedenspreisträgerin wird sich damit abfinden müssen, daß die Reinheit, nach der sie sucht, im Islam ebensowenig zu finden ist wie anderswo.

Den Schluß ihrer Rede hat ihr ein Meister geschrieben oder ein Dschinn eingegeben. Es ist ein doppelter. Zuerst: "Mein Weg ist nicht der der öffentlichen Deklaration, er ist unspektakulär; aber ich vertraue darauf, daß das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den harten Stein besiegt."

Mit diesem Zitat Bert Brechts, eines Autors vieler satanischer Verse, hätte Annemarie Schimmels Friedenspreisrede enden können. Das wäre ein ironischer, sehr freier Schluß gewesen. Das war ihr zu keck. Also mußte Goethes "Westöstlicher Diwan" her:

"Gottes ist der Orient,

Gottes ist der Okzident,

Nord und südliches Gelände

Liegt im Frieden seiner Hände.

Er, der einzige Gerechte,

will für jedermann das Rechte,

Sei von seinen hundert Namen

dieser hochgelobet. Amen."

Endlich einmal wieder ein Amen in der Paulskirche. Das war des Schweißes der Frommen wert.