Privat, schlank in Jeans, weißer Bluse, die Hand beim Reden häufig im dunkelblonden Haar, wirkt Elisabeth Lingner verletzlicher, als sie es nach den Konflikten des vergangenen Jahres sein dürfte. Konservative Christen verlangen ihren Rücktritt als Präsidentin der Synode der nordelbischen evangelisch-lutherischen Kirche.

Hamburger Hauptpastoren und prominente Christen wie Hans Apel oder Handwerkskammerpräsident Dieter Horchler schrieben Anfang Oktober einen offenen Brief an die 140 Mitglieder des Kirchenparlaments: Sie warnen vor einem "quasikatholischen Amts- und Lehrverständnis". Als bedrohlich wird eine Präsidentin empfunden, die mit ihren parteilichen Äußerungen in Kirche und Medien das Selbstbewußtsein der mehrheitlich liberalen Synode gegenüber den Bischöfen stärkt.

Im kommenden Frühjahr werden die Synodalen über nichteheliche Lebensgemeinschaften beraten, ein Thema, das die Pastoren gerne für sich reservieren wollen.

Elisabeth Lingner hat bereits vor über einem Jahr den kirchlichen Segen für Schwule und Lesben gefordert. Als der Schleswiger Bischof Hans Christian Knuth vergangene Woche das uneheliche Zusammenleben der designierten Flensburger Pröpstin Jutta Gross-Ricker mit ihrem Freund, einem Pastor, als Amtspflichtverletzung abkanzelte, hat Nordelbiens Synodenprädidentin betont, daß das Leben weiter sein könne als ein kirchlicher Beschluß.

"Ich lebe in sehr säkularen Bezügen", erklärt sie, von Beruf Leiterin des Hamburger Amtes für Soziales und Rehabilitation, "und das bestimmt mich." Sie wolle für eine offene, zeitgemäße Kirche werben. Und sie, der vorgeworfen wird, sich von der Basis zu entfernen, erlebt, daß nach ihren Äußerungen, nach Podiumsdiskussionen Leute auf sie zukommen und sich bedanken für Ermutigung und Stärkung. Sie würden seit Jahren Themen in ihren Gemeinden vertreten, die sie, Elisabeth Lingner, nun auch öffentlich benenne.

"Ich finde es oft unbarmherzig, wie wir mit Leuten umgehen", sagt Lingner und erzählt vom Brief einer Frau aus Baden-Württemberg, die ihr von den Schwierigkeiten ihres schwulen Sohnes berichtet. Ob sie nun dafür eintritt, von Nichtprotestanten Gebühren für kirchliche Dienstleistungen in Kindergärten, bei Hochzeiten und auf Friedhöfen zu nehmen oder wenig genutzte Kirchen zu verkaufen - Kritik ist ihr stets gewiß. Die Tendenz zum Fundamentalismus, die sie an ihren Kritikern wahrzunehmen meint, erinnert sie an die Nachkriegszeit, die restaurative Enge der Adenauer-Ära.

1939 geboren, wächst sie in einer protestantisch-konservativen Familie auf. Ihr Vater gehört zum Kreis der bekennenden Kirche. Die Nazis nehmen ihm seine Stelle als Schuldirektor. 1942 stirbt er als Soldat unter nie ganz geklärten Umständen. Präsent bleibt er immer: Die Mutter setzt ihren toten, fünfzehn Jahre älteren Mann als wachsamen Erziehungsgehilfen und Seelenkontrolleur ein. "Ich hatte zwei Väter im Himmel, und beide hatten mich fest im Blick" - ein Gefühl, das zu erkennen und zu überwinden sie lange gebraucht hat.