Dreißig Jahre lang war er als Pseudonym prominent, der liberale Hamburger Journalist Peter Grubbe. Jetzt macht ihn sein wahrer Name noch einmal bekannt. Als Kreishauptmann Klaus Volkmann hat er im besetzten Galizien Ghettos eingerichtet. Judenverfolgung? Volkmann, sagt Grubbe, habe nichts gesehen, nichts getan, nichts verantwortet. Doch Polen und die Ukraine haben ihre Archive deutschen Historikern geöffnet. Die Dokumente, allen voran der Bericht des SS- und Polizeiführers Friedrich Katzmann über die "Lösung der Judenfrage im Distrikt Galizien", offenbaren, daß die SS die Vernichtung der Juden nicht allein betrieben hat. Die deutsche Zivilverwaltung im besetzten Generalgouvernement hat der "Endlösung" mit bürokratischer Gründlichkeit zugearbeitet. Das Motiv der Amtleute war oft reine Raffgier: Eigentum der Juden sollte die Staatskasse füllen, und die meisten Besatzungsverwalter bereicherten sich auch privat. Klaus Volkmann/Peter Grubbe - ein schlimmer Fall. Ein Fall wie viele

Die Debatte um den ehemaligen Kreishauptmann von Kolomea, Klaus Volkmann alias Peter Grubbe, bringt die bislang zuwenig beachtete Rolle der Zivilverwaltung bei der "Endlösung" im Generalgouvernement Polen ans Licht. Vielfach hält sich in der Öffentlichkeit noch die Vorstellung, der Judenmord sei im wesentlichen das Werk einer kleinen SS-Tätergruppe gewesen, die sich dabei bestenfalls hilfweise ziviler Instanzen bedient habe. Tatsächlich jedoch war für die Isolierung, Ghettoisierung, Beraubung und Ausbeutung der Juden im Generalgouvernement offiziell bis Juni 1942, de facto auch darüber hinaus, die Zivilverwaltung verantwortlich. Die Kreishauptleute hatten dabei erhebliche Handlungsspielräume. Der verordnungsrechtliche Rahmen der von Generalgouverneur Hans Frank und seinen Fachbeamten definierten "Judenpolitik" war so weit gespannt, daß er Improvisationen und Alleingänge auf der unteren Verwaltungsebene nicht abschnitt, sondern geradezu förderte. Das wurde zunächst in einer Reihe von Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Kreishauptleute sichtbar, die am Ende aber einer Anklage meist entgingen, weil es an Beweisen für eine konkrete Beteiligung fehlte. Erst jetzt ermöglicht die Öffnung der ukrainischen Archive, besonders des Staatsarchivs in Lviv (Lemberg), detaillierte Einblicke in die Tätigkeit der galizischen Kreishauptleute und ihre Verstrickung in den Judenmord. Neue Forschungsergebnisse unterscheiden sich teilweise erheblich von den Selbstdarstellungen der Beamten in der "Ost-Dokumentation" des Bundesarchivs. Kein Wunder: Der zuständige Mitarbeiter des Bundesarchivs war im Krieg selbst Leiter des Referats I ("Deutsche Volksgruppe") in der Abteilung "Bevölkerungswesen und Fürsorge" des Generalgouvernements gewesen. Er befragte also in den fünfziger Jahren seine ehemaligen Kollegen.

Welche Rolle spielte nun die Zivilverwaltung im Distrikt Galizien - und welche Klaus Volkmann? Zu seiner Verteidigung gegen die zunächst von der Berliner tageszeitung erhobenen schweren Vorwürfe hat sich Volkmann, der heute unter dem Namen Peter Grubbe lebt, auf das segensreiche Wirken des "Gouverneurs von Lemberg", Ludwig Losacker, berufen. Der sei 1944 wegen Judenbegünstigung zuerst zum Tode verurteilt, dann ins Strafbataillon gesteckt worden. Diese auch von der ZEIT (Nr. 42 vom 13. Oktober 1995) übernommene Behauptung verdreht die Tatsachen kraß. Der kürzlich verstorbene Jurist Losacker - bereits als Student antisemitisch aktiv, Parteigenosse seit 1931, fünf Jahre später im SD, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Lemberger Kommandeurs der Sicherheitspolizei, zuletzt SS-Obersturmbannführer - war in Wirklichkeit eine für den Judenmord im Distrikt Galizien zentrale Figur. Als stellvertretender Gouverneur und Vorgesetzter der Kreishauptleute gingen über Losackers Tisch und den seines Amtsleiters Innere Verwaltung, Rechtsanwalt Bauer, die "Judenangelegenheiten" von oben nach unten, da hat Grubbe recht. Aber die Informationen flossen auch umgekehrt. So wußte Losacker, daß einige dieser "Verwaltungsführer" im Spätherbst und Winter 1941 von sich aus Erschießungen veranlaßten, ohne dagegen einzuschreiten. Denn diese Morde brachten der Staatskasse hohe Gewinne in Form von Immobilien, Möbeln, Edelsteinen, Gold, Silber und Bargeld. Das belegen Abrechnungen mit der Treuhand-Verwertungs GmbH. Andererseits will Losacker sich um die Jahreswende 1941/42 bei Himmler über nahezu öffentliche Massenerschießungen von Männern, Frauen und Kindern beschwert haben. Typischerweise wies der seinen SS- und Polizeiführer Friedrich Katzmann daraufhin an, sich künftig enger mit der Zivilverwaltung abzustimmen.

Dafür waren schon im Januar 1942 die Voraussetzungen geschaffen worden: Anfang des Monats hatte Generalgouverneur Frank Gouverneur Lasch in "Urlaub" geschickt und dadurch den Weg für Losacker frei gemacht, der den Distrikt in diesem entscheidenden Monat allein führte. Unmittelbar darauf wurden die Kreishauptleute angewiesen, die Ghettos abzuriegeln und Juden, die bisher ohne behördliche Erlaubnis "gewandert" waren, zum "verschärften, langdauernden Arbeitszwangdienst" an die Gestapo auszuliefern. Von nun an galt auch im Distrikt Galizien die berüchtigte "3. Verordnung über Aufenthaltsbeschränkungen im Generalgouvernement". Sie untersagte den Juden bei Todesstrafe, die Ghettos zu verlassen; dieselbe Strafe drohte Nichtjuden, die ihnen zu Hilfe kamen. Kurz darauf wurde die "Aussiedlung" der Lemberger Juden beschlossen. Eine Woche nach der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 trat SS-Brigadeführer Otto Wächter, bisher Gouverneur des Distrikts Krakau, Laschs Nachfolge an. Lasch wurde von der Gestapo verhaftet und im Juni 1942 auf Befehl Himmlers erschossen, bevor man ihm den Prozeß hatte machen können. Zur selben Zeit übergab Generalgouverneur Frank alle "Judenangelegenheiten" offiziell an die SS. Damit endete de jure die Beteiligung der Zivilverwaltung an der Judenvernichtung. Und de facto?

Es gibt starke Indizien dafür, daß schon im Februar 1942 die Kreishauptleute des Distrikts Galizien zu einer Besprechung nach Lemberg gerufen wurden, bei der Katzmann in Gegenwart Wächters und wohl auch Losackers das Ziel der kommenden Massendeportationen bekanntgab: das Vernichtungslager Belzec an der Grenze zwischen den Distrikten Lublin und Galizien. Möglicherweise wurden auch jetzt schon sogenannte "Aussiedlungskommissionen" gebildet, in denen neben dem Kreishauptmann und seinen Fachreferenten Vertreter des örtlich zuständigen Arbeitsamtes sowie der Sicherheits- und Schutzpolizei saßen. Ihre Aufgabe war, gemeinsam die Deportationen vorzubereiten. Wurde ein Ghetto geräumt, war das ja stets ein tiefer Eingriff in Belange der Zivilverwaltung, und es gibt eine Reihe von Belegen für vorbereitende Besprechungen zwischen SS- und Verwaltungsorganen aus allen Teilen des Generalgouvernements. Das Besondere im Distrikt Galizien aber war, daß diese Kooperation in regelrechten Kommissionen eine feste Gestalt erhielt. Von den ehemaligen zivilen Akteuren wurde das später begreiflicherweise bestritten. Tatsächlich ließ Katzmann aber kurz vor der "Aktion" Plakate folgenden Inhalts abholen:

"Im hiesigen Kreisgebiet findet heute eine Aussiedlung von Juden statt. Wie schon wiederholt bekanntgegeben wurde, ist es streng verboten, Juden zu verstecken oder die Durchführung der Aussiedlungsaktion in sonstiger Weise zu erschweren. Alle derartigen Zuwiderhandlungen gegen die Anordnungen und Maßnahmen der "Aussiedlungskommission" werden schwer bestraft. Wer beim Plündern betroffen wird, wird erschossen! Jeder Erwerb oder jede Inbesitznahme von jüdischen Vermögenswerten ist verboten!"

Der SS- und Polizeiführer hatte gute Gründe, die Kreishauptleute über Wächter und Losacker so weitgehend in die Vorbereitung der Deportationen einzuschalten. Der Distrikt Galizien war mit mindestens 530 000 Juden (nach dem Stand vom Juli/August 1941) das Gebiet mit der höchsten jüdischen Bevölkerungskonzentration in Europa. Katzmanns Schergen allein hätten den Judenmord nicht bewältigen können. In seinem Abschlußbericht zur "Lösung der Judenfrage im Distrikt Galizien", der die Vernichtung von mehr als 430 000 Juden meldet, schreibt Katzmann denn auch rückblickend: "Die Aktionen wurden in Anbetracht der großen Anzahl der Juden und der räumlichen Ausdehnung des auszukämmenden Gebietes unter Hinzuziehung von Kräften der Sicherheits-, Ordnungspolizei und Gendarmerie, des Sonderdienstes und der ukrainischen Polizei in zahlreichen Einzelunternehmungen durchgeführt." Gendamerie und ukrainische Polizei unterstanden aber den Kreishauptleuten, ebenso - mindestens bis Juni 1942 - der "volksdeutsche Sonderdienst".