Zur Zeit kungeln die Nato-Regierungen untereinander aus, wer dem unglücklichen Willy Claes, ihrem gerade zurückgetretenen Generalsekretär, nachfolgen soll. Sie täten besser daran, zunächst darüber nachzudenken, ob denn die traditionelle Aufteilung der Spitzenjobs im Bündnis sinnvoll ist.

Militärischer Oberbefehlshaber in Europa war stets ein Amerikaner, politischer Sprecher - nichts anderes ist der Generalsekretär - ein Europäer. Solange die Vereinigten Staaten die Allianz dominierten, war das sinnvoll. Heute jedoch ist die militärische Präsenz Amerikas auf dem Alten Kontinent geschrumpft, stärker noch als die europäischen Nato-Armeen. Die Nato ist vornehmlich auf Europa ausgerichtet. Zugleich ist die politische Bindung Amerikas an Europa lockerer geworden.

Die Entscheidung darüber, wer Generalsekretär, wer Oberbefehlshaber sein soll, ist ein politisches Programm. Ein amerikanischer Generalsekretär könnte besser als jeder Europäer dafür sorgen, Amerikas europäische Bindung in den Vereinigten Staaten lebendig und belastbar zu erhalten. Ein europäischer Oberbefehlshaber könnte besser als jeder Amerikaner die überfällige Integration europäischer Streitkräfte voranbringen. Vielleicht sogar - ein allzu verwegener Gedanke? - könnte Frankreich, würde ihm der Posten angetragen, dadurch in die Integration der Nato zurückgelockt werden.

Der bisher einzige offizielle Kandidat für den Posten des Nato-Generalsekretärs ist der frühere dänische Außenminister Uffe Ellemann-Jensen.

Er wäre, bleibt alles wie gewohnt, eine vorzügliche Wahl. Er ist gewandt, gewitzt und engagiert. Er hat lediglich den Nachteil, daß ihm Frankreichs Gaullisten die Kritik seines Landes an den Muroroa-Tests verübeln und Englands Tories sein unerschütterliches Eintreten für die europäische Integration nicht mögen. Es wäre kleinlich, sollte er an diesen Einwänden scheitern.

Seine Ernennung wäre ein Schrittchen, nicht aber der große Schritt zur Erneuerung des westlichen Bündnisses. Es wäre zu hoffen, daß die Entscheidung darüber nur deshalb auf sich warten läßt, weil die politischen Führer der Allianz ernsthaft die große Reform erwägen. Wahrscheinlicher ist leider, daß sie nur noch routiniert an den Kleinlichkeiten kauen.