Little America" ist nicht das erste antiamerikanische Pamphlet des ehemaligen stern-Chefredakteurs Rolf Winter. Den publizistischen Feldzug gegen das neue Babylon hat er sich geradezu zur Lebensabend-Aufgabe gemacht. Bereits seit etlichen Jahren macht Winter mit Büchern von sich reden, die so subtile Titel wie "Ami go home" tragen. Sein neuestes Werk aber ist an verschwörungstheoretischer Absurdität, ignoranter Dumpfheit und agitatorischer Impertinenz kaum zu überbieten.

Das amerikanophobe Weltbild des Rolf Winter ist recht einfach: Die Amerikaner sind an allem Unglück dieser unserer modernen Welt schuld. Sie haben den Kapitalismus erfunden und praktizieren ihn in der rücksichtslosesten Form des "Raffkapitalismus". Wo sich Amerika ausbreitet - und das tut es überall, vor allem aber in Deutschland -, produziert es Gewalt nach Wildwestmanier, Slums und völlige Kulturlosigkeit. Um die Welt zu unterwerfen, haben die Amerikaner eine Kulturindustrie und hier namentlich "den Pop" und "Hollywood" erfunden. Des letzteren Funktion ist es, die amerikanische Geschichte umzulügen und so zu glorifizieren, daß alle Völker auf den Mythos vom guten Amerika hereinfallen. In Wirklichkeit aber ist Amerikas Geschichte eine des unausgesetzten Völkermordes (Indianer!) und der horrendesten Kriegsverbrechen, die Amerikaner sind deshalb eigentlich ein Fall für das "Nürnberger Tribunal". Statt das zu begreifen, passen sich die Deutschen jedoch in masochistischer Hingabe jeglicher amerikanischen Unkultur an und schmeißen ihr eigenes Erbe über Bord: Micky Maus statt Goethe, Disneyland statt Kölner Dom.

Der Siegeszug der amerikanischen Kulturvernichtungswalze ist nach Winters Einschätzung nicht mehr zu stoppen. Denn der enthemmte Egoismus und entwurzelte Liberalismus, die Amerika der Welt verordne, entsprächen der schlechten, selbstsüchtigen Natur des Menschen. Deshalb sei gegen die "Amerikanisierung" kein Kraut gewachsen - schon gar nicht der Sozialismus, der, wie Winter meint, von den Menschen Gemeinschaftsgeist und Solidarität verlangt hat und eben deshalb zusammenbrechen mußte. Jetzt sei der Weg endgültig frei für das amerikanische Prinzip: "Eigennutz geht vor Gemeinnutz". Die Folge: "Dekadenz und Freiheitsverfall", wo man hinsieht.

Völkische Saubermänner wie poststalinistische Nostalgiker des antiimperialistischen Kampfes gegen den zersetzenden amerikanischen Kosmopolitismus werden sich über solche Phrasen freuen. Für die neudeutschen Geschichtsrevisionisten hat Winter aber noch eine ganz besondere, in dieser Form wahrhaft originelle These auf Lager: Die Deutschen haben die Juden nur verfolgt, weil sie zu viele amerikanische Wildwestfilme gesehen haben. Da hätten sie sich nämlich abgeguckt, wie die Amerikaner "auf ihre Weise mit dem menschlich Anderen umgingen", und dann "Juden oder Türken die Rolle spielen (lassen), die in Hollywoods Werken von den Indianern gegeben wurden".

Wenn die propagandistischen Delirien des Rolf Winter somit auch mühelos das intellektuelle Niveau des "Völkischen Beobachters" oder des "Schwarzen Kanals" erreichen, sollte doch keiner auf die Idee kommen, der Mann hätte am Ende etwas für Hitler oder Stalin übrig. Ganz im Gegenteil: Er verabscheut sie, denn sie haben nach seiner Lesart das arme Europa ja überhaupt erst den Amerikanern ausgeliefert: "Wahr ist auch", schreibt Winter, "daß erst die Hitlers und Stalins der Amerikanisierung den Weg bahnten, als sie, machtbesessen bis zum massenhaft mordenden Wahnsinn, aus Europa ein hilfloses Nichts machten, ehe sie zur Hölle fuhren."

Winters Buch strotzt so sehr vor absurden Behauptungen, daß der Leser am Ende nur zu einem Schluß kommen kann: Dieses Buch stammt gar nicht von Rolf Winter, sondern von einem mittelmäßigen Kabarettisten, der die Phraseologie des gewöhnlichen Antiamerikaners parodieren will. Oder "Rolf Winter" gibt es am Ende überhaupt nicht, sondern dies ist nur das Markenzeichen eines obskuren Spaßvogels, der sich seit Jahren auf Kosten aller aufrechten Antiamerikaner amüsiert. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß der virtuelle "Rolf Winter" seit kurzem in der taz rätselhafte Auftritte als Rezensent feiert.

Rolf Winter: