Sein Buch sei "sichtlich ein Fragment", schreibt er im Nachwort seiner meisterhaften Studie zur Nazifilmkomödie ("Lachende Erben, Toller Tag", Verlag Vorwerk 8, Berlin), aber "außerwissenschaftliche Gründe" hätten ihn zur Veröffentlichung gedrängt. Seit langem war er todkrank. Verschweigen wollte er es nicht, aussprechen auch nicht. So gab er nur einen Wink.

Das war sein Stil, seine Formgebärde: Distanz - und zugleich die Sehnsucht danach, sie aufzuheben. Witte, der alles wußte, was es zu wissen gibt, ging ins Kino, um vom Gewußten abgelenkt, aufs fremde Gleis geführt zu werden. Beim Nachdenken über sein Schreiben, in Interviews und Selbstbetrachtungen sprach er immer wieder vom "Transitraum", in den er durch die Bilder gelange, von der Lust, Identität im Anderen, Selbsterfahrung am Fremden zu gewinnen.

Diese Fremdheit fand er bei den Meistern des japanischen Kinos, bei Lubitsch, Wilder, Hitchcock, bei Pasolini, Tarkowskij, Bertolucci, Bresson und Melville, aber auch bei Fassbinder, Schroeter, Ulrike Ottinger, Straub/Huillet und zuletzt mehr und mehr im afrikanischen Film. Sein Lieblingsgegenstand aber blieb die klassische Komödie: eine Kunst, in der die Perspektiven ins Rutschen, die Figuren ins Schweben und die Ideologien ins Schwindeln geraten. In diesen Transiträumen löst sich Erkenntnis in Luft, Licht und Tanz auf. In seinen Filmkritiken gewann er sie zurück.

"Im Kino. Texte vom Sehen & Hören" hieß die Sammlung seiner Aufsätze, die vor zehn Jahren bei Fischer erschien. Der Titel verrät, was den Filmkritiker Witte vor allen anderen seiner Zunft auszeichnete: die Begabung, nicht nur die sichtbare, sondern auch die tönende Rede des Kinos zu erfassen. "Er hört mit den Augen und sieht mit den Ohren", schrieb er über Godards "Vorname Carmen"; das galt auch für ihn selbst. "Das Wasser tropft und sprudelt allerorten wie ein Klangteppich, den ein Ungeborener hören mag" (über Tarkowskijs "Nostalghia"). "Mosers Stimme brauchte keinen Text, um zu klingen. Dem Körper ist das Echo der Erfahrung eingeschrieben, die Demütigung, das Geschundene" (über den Schauspieler Hans Moser). "Ihr Name beginnt, als klänge eine Keßheit an. Er endet, als hielte jemand erschrocken von dem Lärm auf die angeschlagene Glocke seine Hand" (über den Ufa-Star Dolly Haas).

Der Filmkritiker von Rang sei nur als Gesellschaftskritiker denkbar, statuierte Siegfried Kracauer, dessen Gesamtwerk Witte bei Suhrkamp herausgab. Das galt für eine Zeit, in der das Kino noch die Kunst der Massen war, nicht bloß das Vergnügen der Mehrzahl. Witte hat Kracauers Anspruch, an den er tief glaubte, zugleich radikal verwandelt. Die "Politik der Form", die er noch an den banalsten Gegenständen wie Spielbergs "Indiana Jones"-Filmen aufspürte, suchte er zu entschlüsseln, indem er am filmischen Detail nicht das ideologisch Offenbare, sondern das geschichtlich Gewordene und untergründig Gemeinte sichtbar machte. Aus den Namen der Protagonisten in Bertoluccis Filmen las er einen ganzen Kosmos von Andeutungen heraus, die unter der modernen Fassade das vertrackte Traditionsbewußtsein dieses "späten Manieristen" zum Vorschein bringen.

Wo andere Kritiker sich dem Leser verbrüdern, um ihn desto wirksamer einzuseifen, suchte Witte sein Gegenüber durch Genauigkeit zu gewinnen. Dadurch wurden seine Texte, die vor allem in der ZEIT und der Frankfurter Rundschau erschienen, nicht leichter, aber haltbarer. Seine Sprache plätscherte nicht dahin, sondern erschloß sich in kompromißloser Fügung ihr Sujet. Sie drängte zum Aperçu, das wie ein Blitzlicht den Charakter eines Films, einer Figur, eines Werkes in einem einzigen Satz erhellt. Über die Filme des Griechen Theo Angelopoulos: "Hier steht die Geschichte auf, um den Mythos zu begraben." Über Spike Lees "Jungle Fever": "Der Landprediger Lee hat bei der Vermessung des Dschungels das Ghetto neu parzelliert." Über Bertoluccis "Little Buddha": "Ein Sektenfilm für die Erste Welt." Und über Greta Garbo: "Sie glänzte, weil um sie nichts war als ein Hohlraum für die hungrige Einbildung." Manchen seiner Sätze muß man nach Jahren wiederlesen, um zu merken, wie gut er trifft.

Karsten Witte, geboren in Perleberg in Brandenburg, Kinokritiker, Filmwissenschaftler, Lyriker, Übersetzer und Essayist, polyglotter Kenner der internationalen Kunst, Musik und Literatur, seit 1992 Professor an der Freien Universität Berlin, ist in der Nacht des 23. Oktober in Berlin gestorben. Er wurde 51 Jahre alt. Er wird mir fehlen, als Mitarbeiter und Gesprächspartner, als Vorbild und als Widerpart. Die Verbindung von analytischem Geist und Formbewußtsein, die er verkörperte, wird es nach ihm in der deutschen Filmkritik nicht mehr geben.