Jedes Jahr im Sommer stapft Benoit Sittler durch ein unwirtliches Gebiet an der Nordostküste Grönlands. 600 Kilometer legt er in dieser Zeit zurück - unter anderem, um mit dem Mythos des Lemmings aufzuräumen. Denn daß sich das kleine Nagetier gemeinsam mit vielen Artgenossen ins Meer stürzt und auf diese Weise kollektiven Selbstmord begeht, hält Sittler für ausgemachten Unfug.

Auch im Mündungsgebiet des grönländischen Flusses Karupelv verschwinden immer wieder große Mengen der dort beheimateten Halsbandlemminge. Etwa alle fünf Jahre schrumpft ihre Anzahl stark zusammen, um dann wieder langsam anzuwachsen. Doch die Lemminge springen nicht etwa freiwillig in das eisige Nordmeer, sondern werden schlichtweg von ihren Feinden verspeist.

Um dem seltsamen Fünfjahreszyklus auf die Spur zu kommen, hat Benoit Sittler, der an der Universität Freiburg am Institut für Landespflege forscht, sein Untersuchungsterrain mit Bedacht ausgewählt. Neben dem Halsbandlemming leben in dem Naturschutzgebiet nur wenige andere Tiere, darunter Polarfuchs, Schneehuhn, Hermelin und Schnee-Eule. So ist das Beziehungsgefüge zwischen den etwa zehn bis zwölf Zentimeter großen Nagern und der restlichen Tiergemeinschaft gut überschaubar.

In der kurzen schneefreien Zeit des grönländischen Sommers wandern Sittler und seine Mitarbeiter nach einem Netzplan über das tausend Hektar große Gelände. Sie zählen alle oberirdischen Grasnester, die den Lemmingen im Winter als Behausung dienten. Aus Anzahl und Größe der Kotkügelchen in unmittelbarer Nestnähe erkennen die Forscher, wie eifrig sich die Lemminge im Winter vermehrt haben. Ein weiteres Indiz für wachsende Lemmingfamilien sind Cluster, die aus bis zu elf Nestern im Abstand von maximal fünfzehn Metern bestehen können.

Aus den langjährig gesammelten Daten gewann Sittler ein einfaches, aber bestechendes Muster. Über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren vergrößerte sich die Lemmingkolonie kontinuierlich, bis dann plötzlich ein Zusammenbruch erfolgte. Genauso erging es ihren natürlichen Feinden, den Hermelinen; ihre Entwicklung hinkte jedoch etwa achtzehn Monate hinterher. Als Erklärung macht Sittler einen typischen Räuber-Beute-Zyklus verantwortlich:

Das Karupelv-Delta ist etwa ein dreiviertel Jahr lang von Schnee bedeckt. In dieser Zeit ist das Hermelin der einzige Feind der Halsbandlemminge, denn es jagt auch unter der Schneedecke. Wenn ein Hermelin ein Nest entdeckt und ausgenommen hat, läßt es sich darin nieder. Und damit es nicht so hart und kalt ist, polstert der Räuber die Behausung mit dem Fell seiner Opfer weich aus. Sobald sich nun die Hermeline stark vermehren, überfallen sie reihenweise die Nester und dezimieren die Lemminge. Ist allerdings für die jungen Hermeline, die erst nach langer Tragzeit zur Welt kommen, nicht mehr genug Beute da, gehen sie zugrunde und die Nager gewinnen wieder langsam die Überhand. Ähnliche Populationsschwankungen stellte Sittler auch beim Schneehuhn fest, das im Karupelv-Delta verbreitet ist. Es gehört ebenso zur Beute der Hermeline.

Um den rätselhaften Lemmingzyklus zu erklären, wurden bereits viele Hypothesen aufgestellt. Darunter sind kosmische Faktoren wie Sonnenflecken als Ursache genauso vertreten wie witterungsabhängige oder sozial bedingte Mechanismen wie Streß. Doch ein oszillierendes Räuber-Beute-System bietet eine plausiblere Erklärung, zumal ähnliche Wechselwirkungen bereits zwischen finnischen Wühlmäusen und Wieseln oder Maus und Hermelin in Neuseeland beobachtet wurden. Um die These zu erhärten, muß Sittler sein Projekt jedoch noch einige Jahre fortführen.