Der Bühnen- und Kostümbildner Axel Manthey stand eine Zeitlang für etwas, das man mit Theater selten in Verbindung bringt: frische Luft. Luft! Luft! Luft! Das war 1981. Im sechsten Jahr meines Parkett- und Foyerlebens, als sich schleichend eine Parfümallergie aufbaute - da roch es nach frischer Luft im Theater. Das war er.

Manthey hatte die Außenwand einer alten Schokoladenfabrik in Köln aufstemmen lassen. Durch den Spalt in der Wand, ein zerbeultes Dreieck mit fransigen Rändern, wehte feuchtkalte Novemberluft in die Halle, in der Jürgen Gosch Maxim Gorkis "Nachtasyl" inszenierte, Bühne: Manthey.

Was aussah wie ein Temperamentsausbruch, war eher eine typisch Mantheysche Lektion, wohl bedacht und genau kalkuliert. Als Manthey die Wand durchbrach - das war kein Spektakel, sondern eine große Ernüchterung. Er versuchte unter den Bühnenbild-Architekturen der siebziger Jahre - Erich Wonders wunderbaren, am Kino orientierten Film-Bühnen, Jürgen Roses Kostbarkeitswahn, Rolf Glittenbergs kalter Designerwelt - nach dem alten Theater zu graben. Hinter der Opulenz der Bühnenbilder schien ihm der Guckkasten und mit ihm das Theater zu verschwinden. Das Loch in der Wand hieß: Dort draußen liegt Köln, hier drinnen aber gibt es Theater, einen Ort mit eigenen Gesetzen, eine Welt der Abstraktion und der Zuspitzung.

Draußen war der kalte Novemberwind nichts weiter als eine Luft polaren Ursprungs. Im Theater wehte er wie aus einem Tief von gestern herauf, eine eisige Windfahne über einer düsteren Geschichte, Vorläufer der magischen Zeichen, aus denen fortan Mantheys Bühnen bestanden.

Zuerst aber mußte Manthey abräumen. In B. K. Tragelehns Stuttgarter "Maß für Maß"-Inszenierung bestand das Bühnenbild aus einem gelben Dc-fix-Streifen, der auf halber Wandhöhe im Zuschauerraum und auf der Bühne befestigt war - ein Schlußstrich. Aber Manthey, der gerade das Bühnenbild der achtziger Jahre erfand, erregte damit in unserer Theaterwelt kein besonderes Aufsehen. Das große Projekt, das er sich vorgenommen hatte, ließ sich anfangs an einem einzelnen Abend kaum messen. Es sah eher aus, als würde er uns etwas wegnehmen statt anbieten, und so blieben die Reaktionen flau. Manthey arbeitete damals vor allem mit dem Regisseur Jürgen Gosch zusammen, dessen dröge Inszenierungen von "Woyzeck", "Sommernachtstraum" oder "Warten auf Godot" trotz Mantheys Bühnen für die Zuschauer zur reinen Nervensache wurden, zu schweren Geduldsproben. Manthey, diesen eher ruhigen, fast ordentlichen Menschen, kümmerte das kaum. Er war selber weder zum Entertainer noch zum Karrieristen geboren und glaubte an die Macht seiner reduzierten Bilder, an das Esperanto seiner magischen Zeichen, die eines Tages für ihn sprechen sollten.

Manthey nahm den Guckkasten als eigenen Raum, in den er keinen weiteren bauen wollte, und bemalte Stellwände, zweidimensionale Objekte, nicht selten schwarzweiß. Es war eine Welt aus Pfeilen, die in die Geschichten zeigten (oder darüber hinaus); aus gemalten Mauern in allen Farben; aus schmalen Blättern, die aussahen wie Münder. Auf Mantheys Bühnen immer als Hauptdarsteller besetzt: der rote Theatervorhang, der im Licht der Scheinwerfer noch einmal aufglühte.

Das Lakonische dieser Bildersprache, diese Mantheysche Ökonomie, war bestechend und abschreckend zugleich. Er trieb dem Theater das Pathos und die Psychologie aus und stand dann am Ende da wie ein Miesmacher. Manchmal wirkte seine Zeichensprache allzu glatt, graphische Welten aus lauter Signets. Das hätte man einem Konfektionisten leicht abgenommen. Aber so einer war Manthey nicht.