Eine "grauenhafte Schlächterei", die "Europa entehrt", hatte Papst Benedikt XV. den Weltkrieg 1915 in einer Exhortatio genannt, die von den deutschen Bischöfen allerdings nur in einer verfälschten und abgemilderten Form veröffentlicht worden war. In ihrer Friedensnummer vom 4. August 1931 brachte die Weltbühne eine neue Übersetzung dieser leidenschaftlichen Verdammung des Krieges. Wenige Seiten später stand eine Glosse: "Der bewachte Kriegsschauplatz" von Ignaz Wrobel (ein Pseudonym, hinter dem sich Kurt Tucholsky verbarg), durch die sich die Reichswehr verunglimpft und beleidigt sah. Tucholsky beschäftigte sich darin mit der Feldpolizei, die den Kriegsschauplatz abgesperrt und darüber gewacht hätte, daß "vorn richtig gestorben wurde". Die Menschen seien "auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre" gejagt worden, Deserteure sind niedergeschossen worden. "Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden."

Besonders betroffen fühlte sich die Reichswehrführung jedoch durch einen kleinen Abschnitt, dessen Schlußsatz bis heute für Aufregung sorgt: "Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder." Reichswehrminister Groener, der sich durch den gerade erst gewonnenen "Weltbühnenprozeß" bestärkt fühlte, stellte erneut Strafantrag gegen Carl von Ossietzky als verantwortlichen Redakteur. In einem langen Brief nahm Tucholsky zu der Anklage Stellung und bestritt die Absicht, die Reichswehr zu beleidigen. Der enge Zusammenhang des Artikels mit der Exhortatio des Papstes und die Erwähnung des Weltkrieges bewiesen, daß es sich ausschließlich um eine ganz allgemein pazifistische Forderung gehandelt habe, wie sie insbesondere auch von der katholischen Kirche immer wieder erhoben werde. Seine Tätigkeit im Krieg als Feldpolizeikommissar bei der Politischen Polizei habe ihn die in dem Artikel geschilderten Tatsachen aus nächster Nähe mitansehen lassen.

Seit 1912 hatte Tucholsky immer und immer wieder geschrieben, daß Krieg Mord sei und daß Soldaten "professionelle Mörder", "potentielle Mörder" und "ermordete Mörder" seien. Selbst im Kaiserreich, als der Soldatenstand die gesellschaftliche Elite darstellte und sich das Offizierskorps im Gefühl feudaler Exklusivität sonnte, blieb Tucholskys Vergleich ohne gesellschaftliche oder gar juristische Resonanz. Auch in den ersten dreizehn Jahren der Weimarer Republik blieb gerade diese Aussage Tucholskys ohne Folgen, obwohl die Reichswehrführung in anderem Zusammenhang immer wieder versucht hatte, Tucholsky mit juristischen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Erst nachdem ein General (Kurt von Schleicher) als graue Eminenz im Hintergrund weitgehend die Geschicke der Noch-Demokratie mitbestimmte, reagierte die Reichswehr auch auf diesen Satz mit einem Strafantrag.

Anfang April 1932 hatte das Schöffengericht Charlottenburg die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt; die Staatsanwaltschaft legte dagegen jedoch sofort Beschwerde ein. Die bürgerlichen Blätter titelten damals noch ähnlich wie der Vorwärts: "Die beleidigte Reichswehr. Ein überflüssiger Prozeß", nur die extreme Rechte sprach von der "Hetze der Weltbühne" gegen das Militär. Am 1. Juli sollte nun die Hauptverhandlung sein, und Tucholsky schwankte, ob er zum Prozeß kommen sollte oder nicht. Da er bereits in Schweden lebte, wurde gegen ihn erst gar keine Klage angestrengt. In der ausführlichen Korrespondenz und in Telephongesprächen hatte Ossietzky es Tucholsky freigestellt, dem Prozeß beizuwohnen oder nicht. Er berichtete ihm, daß bei einigen Freunden wie Ernst Toller und Walter Mehring Mißstimmungen gegen sein Fernbleiben bestünden und erste leise Angriffe in der Presse zu verzeichnen seien. Die Vorhaltungen Mehrings dürften jedoch nicht allzu groß gewesen sein, denn gerade er hatte Tucholsky in der Vergangenheit immer wieder vor möglichen Übergriffen der Nazis gewarnt. "Es geht ein Rollkommando durch den deutschen Dichterwald!" Tucholsky stellte Mehring gegenüber auch gleich klar, daß er sich in seiner Haltung nur von Ossietzky bestimmen lasse: "Winkt der, bin ich da. Er winkt aber nicht."

Am 1. Juli begann der Prozeß im Schöffengericht Charlottenburg, ohne Tucholsky. Ossietzky (der noch seine Strafe aus dem ersten "Weltbühnenprozeß" abzusitzen hatte) wurde aus der Haftanstalt Tegel vorgeführt, und der Saal 567 reichte nicht aus, um alle Freunde und Weggefährten aufzunehmen. Die Verteidiger Alfred Apfel und Rudolf Olden waren gut vorbereitet, auch Tucholsky hatte reichlich Material geschickt. Als Olden die Fülle der Zitate von Laotse, Erasmus, Voltaire, Kant, Goethe, Klopstock, Herder, Raabe und vielen anderen vortrug, in denen Soldaten Mörder, Henker und Schlächter genannt wurden, verschlug es dem Staatsanwalt die Stimme. Gerhart Hauptmann prangert beispielsweise in seinem Stück "Vor Sonnenaufgang", das am 20. Oktober 1889 in Berlin uraufgeführt und selbst auf Hofbühnen gespielt wurde, den Soldatenstand an: "Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im Kriege zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten tun, mit einem Menschenabschlachtungs-Instrument, wie es der Degen oder der Säbel ist, an der Seite stolz herumzulaufen. Den Henker, der das mit dem Beile täte, würde man zweifelsohne steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden . . ."

Als Rudolf Olden dann aber noch die Kaiser Friedrich III. sowie Friedrich den Großen und zum Schluß sogar den amtierenden Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg zitierte, war der Prozeß praktisch entschieden. Ossietzky, der sich hinter Tucholskys Artikel stellte und die Verpflichtung des Pazifisten zu einer deutlichen und aufrüttelnden Sprache bekräftigte, machte das Gericht noch auf ein symbolisch bedeutsames Zusammenspiel aufmerksam: "Ich habe eben einen der merkwürdigsten Augenblicke meines Lebens gehabt, als in das Plaidoyer meines Verteidigers von der Straße die Klänge der Militärmusik hereintönten. Ich weiß nicht, ob man darin ein bedenkliches Symbol sehen soll oder einen belanglosen Zufall. Aber vielleicht ist durch diesen Klang der Staatsanwaltschaft von heute die Stimme ihres Herrn mitgeteilt worden. Ich bin vielleicht der Einzige hier im Saal gewesen, der über den Strafantrag auf sechs Monate Gefängnis nicht erstaunt gewesen ist. Denn es bleibt für mich bestehen, daß eine bestimmte Denkrichtung verfolgt werden soll. Es ist aber falsch, wenn man annimmt, daß es sich in dem Weltbühnenartikel um die Diffamierung eines Standes handelt, es handelt sich um die Diffamierung des Krieges. Wir greifen aber hier nicht nur an, sondern wir verteidigen das Recht auf Leben. Was nutzt den Toten des Weltkrieges die Ehre, die hier angeblich geschützt werden soll? Was nützen Denkmäler des unbekannten Soldaten den Gefallenen? Erst muß der Mensch leben, dann kann seine Ehre geschützt werden! Der Antrag des Staatsanwalts beweist, wie sehr die Staatsanwaltschaft unter den Einfluß des Nationalismus geraten ist, der sich einbildet, die wahre deutsche Nation zu verkörpern."

Der Staatsanwalt beantragte sechs Monate Gefängnis, das Gericht sprach Ossietzky jedoch frei, was in der bürgerlichen und linken Presse allgemein mit Erleichterung und Zustimmung aufgenommen wurde. Auch die von der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision wurde am 17. November 1932 verworfen, obwohl das Gericht in dem Satz "Soldaten sind Mörder" eine schwere Ehrenkränkung sah. Da durch die allgemeine Aussage jedoch keine bestimmten Personen angesprochen und beleidigt wurden, ist aus formaljuristischen Gründen auf Freispruch erkannt worden.