Es schont die Umwelt. Es spart Energie. Es schafft Arbeitsplätze. Es hilft, Analphabetismus, Hunger und Seuchen zu bekämpfen. Es entzückt Elektronikmanager. Es erfreut Slumbewohner.

Das klingt nach einer revolutionären Sache, nach einer politisch korrekten noch dazu. Und das schönste daran ist: Die Sache gibt es. Sie ist schwarz, drei Kilo schwer und so unauffällig wie ein Schuhkarton. Es ist ein Transistorradio mit einer Kurbel dran. Einmal kräftig umdrehen, schon legt es los. Zwanzig Drehsekunden ergeben vierzig Hörminuten. Die mechanische Energie des Handaufzugs, gespeichert auf einer Spiralfeder, wird durch einen Generator in elektrische Energie umgewandelt. So einfach ist das. Sagt der Erfinder der Schuhschachtel.

Er wohnt auf einer Themseinsel bei London, die Eel Pie heißt, Aal-Pastete. Sein Haus ist angestaubt, verschachtelt, ein bißchen kariös und bis unters Dach mit nutzlosen und rätselhaften Gerätschaften vollgestopft. Vierhundert Erfindungen entstanden auf Eel Pie, unbemerkt von der Welt. Dann kam Patent 401. Und wieder krähte kein Hahn danach. Wer? Ein Mister Baylis? Ein Radio zum Aufziehen? Herrje, schon wieder so ein Spinner. Die Manager der großen Konzerne beschieden ihren Vorzimmerdrachen, den lästigen Anrufer abzuwimmeln. Heute sind es die Manager, die Trevor Baylis nerven. Die von Sony, Grundig, Philips, Nokia und wie sie alle heißen. Ministerien melden sich, Greenpeace, das Rote Kreuz, die Uno. Alle schwärmen von dem Ding.

Kapstadt, Genadendal. Nelson Mandela war baff. "Eine phantastische Errungenschaft!" befand er. Phantastisch, weil sie die Unerreichbaren erreicht, die Menschen in den Slums und Townships, in abgelegenen Landstrichen, wo es weder Straßen noch Steckdosen gibt, wo die Armut zu groß ist und die Batterien zu teuer sind, vorausgesetzt, daß es sie überhaupt gibt. Man stelle sich vor, all diese Menschen hätten Zugang zu Informationen: Dann könnten doch Krankheiten und Epidemien durch gezielte Aufklärung eingedämmt werden . . . Solche Gedanken gingen Trevor Baylis durch den Kopf, als er einen Film über Aids-Waisen in Afrika sah. "Ich fragte mich: Was tun?" Mitten im Film hatte er die Idee, rannte in seine Werkstatt und begann, an seinem Radio zu basteln. Freeplay sollte es heißen. Er hatte keine Ahnung, daß es ein solches Gerät schon gab.

Türkheim, Deutschland. Im Jahre 1981 brachte die Firma Schneider ihr Turny für 99 Mark auf den deutschen Markt - ein Spielzeug für Pfadfinder, Camper und Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff, der seinerzeit daran kurbelte. An die Dritte Welt dachte damals niemand und auch nicht daran, sich das Ding patentieren zu lassen. Drei Jahre und 60 000 verkaufte Stück später wurde das Turny aus dem Warenkatalog gestrichen. Werner Mayr, Gesamtvertriebsleiter bei Schneider, sagt dazu: "Es war seiner Zeit weit voraus, muß man aus heutiger Sicht sagen." Das Marketing der Firma war seinerzeit weit hinterher. Muß man aus damaliger Sicht sagen. Aber wer weiß, ob es dem Freeplay nicht wie seinem Vorläufer Turny ergangen wäre, wenn sich nicht zufällig der Wirtschaftsprüfer Christopher Staines auf der Kanalinsel gemeldet hätte.

Kapstadt, London und zurück. Staines hatte Südafrika mit Kind und Kegel verlassen, "wegen der ungewissen Zukunft". Er wanderte nach London aus, lernte Baylis und sein Radio kennen - und war hingerissen. In der Zwischenzeit hatten am Kap freie Wahlen stattgefunden. Und Staines flog, das schwarze Ding und große Pläne im Handgepäck, zurück ins neue Südafrika. Dort zog er durch die Townships, um herauszufinden, was die Leute von der Erfindung hielten. "Sie waren begeistert", erzählt Staines. "Aber wie sollten wir das Unternehmen finanzieren?" Die Antwort kam aus der Provinz Transvaal.

Johannesburg, Ameshoff Straat. Ein gewisser Hylton Appelbaum hörte im Autoradio vom Aufziehradio. Appelbaum leitet die Liberty Life Foundation (LL), die Stiftung des finanzstärksten Versicherungskonzerns in Südafrika. Sie fördert Projekte, in erster Linie für Behinderte. Hylton Appelbaum rief an und stieg ein - mit 700 000 Pfund Zuschuß, rund 1,6 Millionen Mark. Seine Bedingungen: Der von LL gesponserte Disability Employment Concern (Pty) Ltd., Dachorganisation der sechs Behindertenverbände Südafrikas, müsse "substantielle Anteile" am Unternehmen erhalten; mindestens sechzig Prozent der Arbeitsplätze müßten für Behinderte reserviert werden.