Nikolaj Gogol soll, bevor er die Augen für immer schloß, gesagt haben: "Die Leiter, schnell, die Leiter." Des Dichters verbaler Abschied von der Welt blieb für die Nachgeborenen genauso rätselhaft wie die letzten Worte anderer bedeutender Persönlichkeiten. Es gäbe gewiß Gewichtigeres, das einem beim Anblick von Gogols Grabstätte auf dem Moskauer Nowodewitschij-Friedhof, dem Neujungfrauen-Friedhof, in den Sinn kommen könnte. Doch das Banale ist dem Erhabenen verschwistert - das bezeugen die Lebensläufe der Frauen und Männern, die hier zur letzten Ruhe fanden - und nicht selten auch ihre Grabmale.

Ein sonnendurchfluteter später Herbsttag lädt zu einem Gang über die sieben Hektar große, an der südlichen Wehrmauer des Nowodewitschij, des Neujungfrauen-Klosters, gelegene Prominentennekropole ein, einem Streifzug durch ein Jahrhundert russischer und sowjetischer Politik- und Kulturgeschichte. Wie ein Dach aus prunkendem Gold erheben sich die Baumkronen des bewaldeten Areals über den Gedenksteinen, deren künstlerische Gestaltung nicht weniger Denkwürdiges und Merkwürdiges präsentiert als die berühmten Friedhöfe anderer Metropolen.

Nikolaj Gogols Büste auf einem runden Postament, die ihn naturgetreu, mit einer Pellerine um die Schultern und mit kinnlangem, glattem Haar, zeigt, macht ein Wiedererkennen des Autors der "Toten Seelen" leicht. Den 1852 Verstorbenen hatte man zunächst beim St.-Daniels-Kloster bestattet und seine Gebeine später auf den Prominentenfriedhof Nowodewitschij überführt. Die posthume Umbettung von Berühmtheiten war in der Sowjetunion kein Einzelfall, da während der Stalinzeit viele der zu Klöstern und Kirchen gehörenden Friedhöfe zerstört wurden.

Gogol soll oft von seiner Angst gesprochen haben, einmal als Scheintoter begraben zu werden. War das der Grund, warum man bei Öffnung des Grabes die sterblichen Überreste noch einmal genau in Augenschein nahm? Dabei wurde die Entdeckung gemacht, daß der Körper tatsächlich auf der Seite lag. So jedenfalls steht es in einem englischsprachigen Informationsblatt, das den Besuchern ausgehändigt wird.

Bis 1987 war das schmiedeeiserne Portal fast zehn Jahre lang verschlossen und der Friedhof nur mit einer Spezialerlaubnis zugänglich gewesen. Hier nämlich wurde der gestürzte Parteichef Nikita Chruschtschow beigesetzt, nachdem ihm das ZK einen Platz an der Kremlmauer verweigert hatte. Und sein Nachfolger Leonid Breschnjew fürchtete wohl, die Ruhestätte könnte zum Wallfahrtsort von Regimegegnern werden.

Selbst Chruschtschows Grabstein - aus versetzten weißen und schwarzen Marmorblöcken gefügt, die eine Bronzebüste des ehemaligen Kremlherrn rahmen - konnte nur nach heftigen Kontroversen plaziert werden. Der Auftrag dazu war von Chruschtschows Frau Nina Petrowna ausgerechnet an den verfemten, heute in den USA lebenden Künstler Ernst Neiswestnij ergangen. Ihn hatte Chruschtschow noch zu Lebzeiten öffentlich attackiert und seine Werke als "Schund und Scheußlichkeiten" verunglimpft.

Auf welche Weise systemkonforme Bildhauer die Wünsche ihrer Auftraggeber erfüllten, erfährt der Besucher gleich zu Beginn seines Friedhofsdefilees. Denn dort, im neueren Teil beiderseits der Hauptallee, drängeln sich auf engem Raum die Gedenkmonumente von Parteibonzen, Generälen und Admirälen, Akademiemitgliedern und Wissenschaftlern. Auch die bekannten Flugzeugkonstrukteure Sergej Iljuschin und Andrej Tupolew liegen hier begraben.