MEISSEN. - Hätte der gesetzte Schwabe seine Sonnenbrille abgenommen, dann hätte er ein bißchen mehr gesehen als die Gerüststangen, die den Meißener Dom auskleiden. So aber blieb es bei einem kurzen Blick und einem noch kürzeren: "Nein."

Schade. Im Wahrzeichen Meißens stehen zwar im Augenblick mehr Stangen als Kirchenbänke, aber das Gerüst ist nicht nackt. Es dient als Ausstellungswand für "Kunst am Gerüst". Bilder säumen die Stellage, Netze spannen sich verbindend von der einen zur anderen Seite des Langhauses. 40 Scheinwerfer und 22 Projektoren tauchen die Gerüststangen in ständig wechselndes Licht. Es klickt und klappert im Gebälk, als seien die Arbeiter auch sonntags am Werk. Beim näheren Hinsehen und -hören entpuppen sich die vermeintlichen Handwerker als hölzerne Zeiger, die im Gerüst ihre Runden drehen. "Rotierende Zeiger ohne Zifferblatt, es fehlt die Orientierung, man fragt sich ,Ist es vielleicht schon zu spät?`", sinniert Küster Stephan Nierade bei seiner Führung durch die 650 Jahre alte Kirche.

Für den Dom wäre es beinahe zu spät gewesen. "Vor fünf Jahren mußte man noch Angst haben, mit Gästen auf den Domplatz zu gehen", erinnert sich Bürgermeister Thomas Pohlack. Die Wasserspeier drohten herunterzufallen, der empfindliche Elbsandstein bröckelte. Die Rettung kam mit der Einheit. Meißen wurde mit fünf weiteren ostdeutschen Städten bevorzugt gefördert.

Küster Nierade ist denn auch "dankbar für jedes neue rote Dach", das sich über den engen Gassen erhebt. So formulierte es der Vorsitzende der Bürgerbewegung bei der Feierstunde zur deutschen Einheit im Gewölbekeller der renovierten Domprobstei. "Nichts ist geblieben wie vorher" - der Satz der SPD-Stadträtin Gundula Sell zieht sich wie ein Refrain durch die Ansprachen und Gespräche, fünf Jahre nachdem die Meißener demonstrieren lernten. "Nach der Arbeit bin ich immer zum Fleischer, das war so Viertel nach fünf. Zehn Minuten später war der Marktplatz voll", beschreibt Kulturamtschefin Monika Janke die Montagsdemos - und nimmt einen Schluck Rotkäppchen-Sekt.

Auch im Dom war es damals eng. Den größten Gottesdienst seiner Geschichte erlebte das Gotteshaus 1989, erzählt Nierade den Touristen. Seit 1581 ist der Dom eine Kirche ohne Gemeinde. Als er evangelisch wurde, hatten die Protestanten längst in den übrigen Kirchen der Stadt eine Heimat gefunden. Den Prediger leiht sich Nierade einmal im Monat von der evangelischen Akademie. Die Gemeinde wechselt täglich. "Wir machen die Touristen kurzfristig zu unserer Gemeinde", sagt der Küster.

Aus dem Unwillen, den jährlich 200 000 Besuchern nur ein dunkles Haus zu präsentieren, entwickelte er die Idee zu "Kunst am Gerüst". Der Dombauverein Meißen gewann Maler, Photographen und Performancekünstler aus der Region und einen Zuschuß der Stadt von 20 000 Mark. Im Mai wurden die ersten Klangobjekte angebracht, die Nierade begeistert vorführt. Per Knopfdruck setzt er eine Minidraisine in Gang, die langsam, aber bestimmt auf eine Gerüststange zusteuert. Fast sieht es aus, als würde das Wägelchen zerschellen. Statt des großen Knalls gibt es ein zartes Klingen. "Heiterkeit und Witz am Gerüst wäre das bessere Motto gewesen", sagt Nierade, "Kunst klingt so ernst."

Aber um ernste Dinge geht es auch: Nierade greift das häßliche "Stasi-Gesicht" des Künstlers Peter Klar heraus, um den Aufbau des Doms mit dem Aufbau der Demokratie zu verbinden. Der Schnüffler der Nachkriegsjahre, ausgestellt am Gerüst im Eingangsbereich des Doms, hat ein mittelalterliches Spiegelbild in der Kirche: eine steinerne Kapitellfigur, deren Ohren ebenfalls handtellergroß, deren Lippen genauso schwülstig-schwatzhaft sind. "Die Altvordern wußten, was sie mit solchen Leuten machten", sagt Nierade den Touristen: "Sie haben ihnen ein ewiges Kreuz aufgeladen - sie müssen die Säule tragen."