Je länger und erschreckender die Liste der Kriegsverbrechen wird, um so schwerer läßt sich ein Friede in Bosnien vorstellen. Zwar schweigen inzwischen an fast allen Fronten die Waffen, die Untaten aber schreien weiter zum Himmel. Wird den Opfern der Massaker und Massenvertreibungen je Gerechtigkeit widerfahren? Werden die Täter je Rechenschaft ablegen müssen? Im amerikanischen Dayton, wo der vielleicht letzte Anlauf zu einer friedlichen Lösung des Balkankonfliktes unternommen wird, geht es zumindest vorrangig nicht um Schuld und Sühne. Erst kommt das Kriegsende, dann die Moral, heißt die Devise.

Sie entspricht einem ebenso brutalen wie bewährten Muster weltpolitischen Konfliktmanagements. Ob Südafrika, Nahost oder Kalter Krieg - Auf- und Abrechnung des Unrechts standen nie am Anfang der Annäherung. Wenn überhaupt, kamen sie am Ende der Verhandlungen auf die Tagesordnung. Meistens jedoch überließ man die Aufarbeitung der Sündenlast der Geschichte.

Bei dem Konklave auf der Luftwaffenbasis Wright-Patterson fällt das jedoch schon deshalb schwer, weil die Erinnerungen an die Kriegsverbrechen so frisch sind wie die Massengräber von Srebrenica. Dennoch haben sich die Feinde und die Vermittler an einen Tisch gesetzt. Zumal die Amerikaner mußten über ihren Schatten springen. Sie wollen sich als Verteidiger der Menschenrechte beweisen und zugleich die Befriedung desBalkans erzwingen. Das ist ein Doppelziel, das nicht nur diplomatisches Geschick verlangt, sondern auch Selbstverleugnung.

Ein simples Schwarzweißschema - hier die Guten, dort die Bösen - paßt nicht auf die Kriegsherren, die zum Frieden gedrängt werden sollen. In der balkanischen Tragödie blieb keine Weste unbefleckt. Aber das Schuldregister weist genügend Unterschiede auf, um den Verhandlungsdruck gerecht zu kalibrieren. Wenn der serbische Präsident ihn jetzt also am stärksten zu spüren bekommt, dann liefert die Genesis des blutigen Geschehens dafür die Berechtigung. Slobodan Milosevic war es, der den Haß zwischen den Volksgruppen angestachelt und für seine großserbischen Pläne ausgenutzt hat.

Der kroatische Staatschef kann für sich zumindest in Anspruch nehmen, daß er mit der Wiedereroberung der Krajina erlittenes Unrecht vergolten hat. Die Gewaltakte seiner Soldaten gegen Zivilisten wie sein dubioses Spiel in und um Bosnien erlauben aber auch ihm kein Anklägergehabe. Überzeugen in einer Opferrolle kann am ehesten Alija Izetbegovic. Obwohl seine Truppen Waffenstillstände gebrochen und selbst ethnische Säuberungen erzwungen haben, bleibt der bosnische Präsident Repräsentant des am meisten gequälten Volkes.

Dieses Trio der Feinde soll nun zu einem Verhandlungsfrieden finden. Wie viele Monate müssen Amerikaner, Westeuropäer und Russen die Vertreter der Kriegsparteien wohl festhalten, bis sie sich auf Bosnien als gesicherten Staat und auf eine faire Territorialverteilung geeinigt haben? Wann ist in der umkämpften Region mit demokratischen Institutionen, freien Wahlen und dem Respekt vor Menschenrechten zu rechnen?

Trotz all der Hürden hat schon der Anlauf zum Frieden der zivilisierten Welt Genugtuung beschert. Die größten Schurken auf der bosnischen Bühne sind nicht nur in die Kulissen verbannt. Der selbsternannte Staatschef der bosnischen Serben und sein Armeechef Mladic, die noch vor wenigen Wochen mit dem Leben Tausender Menschen spielten, müssen jetzt selber um ihre Existenz bangen. Mag der Paria Karadzic inzwischen sogar die amerikanische Friedensinitiative loben, über eines kann er sich Illusionen nicht leisten: Es wird keine Amnestie für Kriegsverbrecher geben.