Auf den Speicher bin ich nie gern gegangen. Das zufriedene Gefühl, wir hätten ein festes Dach überm Kopf, kam da oben ganz schnell abhanden: uralte Dachpfannen ("Wie Zwieback", sagte der Dachdecker), dazwischen mürbe Strohdocken und viele, viele Ritzen, durch die der Blick weit in die Landschaft schweifen konnte. Es roch nach Ruß und Staub und Spatzen, und an den Sparren hingen die rundlichen Nester der friedfertigen Sächsischen Wespe.

Mit alldem ist es nun vorbei. Das Dach ist neu gedeckt worden, unter den Pfannen liegt eine dicke Dämmschicht, und auf dem Speicher klingt es wie in einem Tonstudio. Sehr gedämpft hört man draußen die Spatzen über ihre Vertreibung schimpfen, und alles, was wir hier an Leben erwarten dürfen, sind vielleicht die Spinnen, die zwar blind sind, aber überall hinfinden.

Zum Ausgleich für das ökologisch bedenkliche Sanierungswerk haben wir die alten Dachpfannen nicht für teures Geld "entsorgen", das heißt: vernichten lassen, sondern wir haben sie (was freilich noch teurer war) einzeln heruntergeholt und gestapelt. Es sollen im Garten Mauern daraus gebaut werden, in deren endlosen Fugengängen Asseln und Käfer und anderes Getier Lebensnischen finden werden. Von außen pflanzen wir Dachwurz-Rosetten an die lose aufgeschichtete Mauer, schlämmen die Wurzeln mit einem Brei aus Lehm und Herbstlaub ein und brauchen uns dann nicht mehr weiter darum zu kümmern, denn die Dachwurze leben von beinahe nichts und fühlen sich in solchen Spalten weit wohler als in jedem Gartenbeet.

Natürlich gibt es auf dem Lindenhof auch sonst Refugien genug. Von der Südwand der Scheune ist Mörtel weggebröckelt, und zwischen den Steinen sind kleine Höhlen entstanden, in die gerade ein ganzer Clan von Feuerwanzen eingezogen ist, um dort zu überwintern. Wie fast alle Wanzen sind die Feuerwanzen auffallend schön gefärbte und gezeichnete Tiere; ihr tiefschwarzes Ornament auf leuchtend rotem Untergrund erinnert an eine afrikanische Maske.

Die Feuerwanzen leben gern gesellig, und in ihrem neuen Quartier haben sie als erstes ein großes Fest der gemeinsamen Häutung begangen: Wanzen und Wänzchen aller Lebensalter entledigten sich ihrer alten, zu klein gewordenen Haut und gehen nun wie frisch gewaschen in ihren Winterschlaf. Noch kommen sie an warmen Tagen für ein paar Stunden nach draußen, räkeln sich in der Sonne und kehren dann wieder in ihre Höhle zurück, in der sich die abgelegten Kleider stapeln. Hoffentlich reicht das Lumpenpolster für eine gute Winterruhe. Vielleicht werden wir, wenn es richtig kalt wird, noch einen Strohballen vor die Mauer stellen.

Auch die Eule, die wir lange vermißt haben, ist wieder da. Man hört es nach Einbruch der Dunkelheit an dem spitzen Pfeifen, das an eine Feuerwerksrakete erinnert, und man sieht es an den Gewöllen, den ausgewürgten unverdaulichen Resten der Beute, die im früheren Kuhstall auf dem Boden liegen. Vom lackglänzenden Schwarz der ovalen Gebilde heben sich kleine weiße Knochenfragmente ab, aus denen ein kundiger Zoologe ganz genau ermitteln könnte, von welchen Tieren die Eule sich ernährt hat. Hoffentlich von Wühlmäusen, denn es gibt keine Ecke im Garten, die sie nicht heimgesucht haben; offenbar war der warme Sommer ihnen günstig.

Der warme Sommer - beinahe ist er schon wieder vergessen, mit all den Nöten der Bewässerung, den verzweifelten Versuchen, die Pflanzen über die Dürre hinwegzuretten, was nicht immer gelungen ist. Die gnadenlose Sonne trieb den Gärtner, wenn er seinen gärtnerischen Pflichten nachkommen wollte, schnell wieder nach drinnen, wo er dem Gedanken nachhing, entweder den Garten in einen großen See zu verwandeln und einen breiten Sandstrand aufzuschütten oder inskünftig nur noch trockenheitsresistente Steppenpflanzen anzusiedeln.