Verflixte Zahlen. Längst vorbei die Zeit, da wir sie, mit geschlossenen Augen an einen Baum gelehnt, noch alle mühelos auf die Reihe brachten: "97, 98, 99, ich komme!" Mit den Jahren besetzten Telephonnummern unsere Hirnwindungen, beanspruchten Kragenweite, Schuhgröße und Hosenmaß unser Langzeitgedächtnis, stauten sich Kontonummern, Lottozahlen, Fußballergebnisse an den Synapsen.

Viel Platz blieb da nicht mehr in dem für Ziffern reservierten Teil des Hirns. Und das ist heute ein Problem - da die Zeiten bekanntlich schlechter werden und die Sicherheitsexperten laufend neue Varianten erfinden für den Einsatz ihrer Allzweckwaffe wider die Räuber: der Geheimzahl.

Die Bank schickte mir meine EC-Karte, und ich wußte: In Händen hielt ich das geheimste Dokument meines Lebens. Um zu meiner Zahl vorzudringen, mußte ich perforierte Papierstreifen abreißen. Es gelang: 6378 (Zahlen von der Redaktion geändert!). Der nächste Schritt - Zahl einprägen - wollte mir nicht gelingen. Eine Eselsbrücke mußte her. "6378 - Geld gibt's in der Nacht." Zugegeben, am Versmaß haperte es. Aber an Gebrauchslyrik darf man wohl niedrigere Maßstäbe anlegen.

Von nun an ging es Zahl auf Zahl. Die Geheimzahl der persönlichen Telephonkarte. Die Geheimzahl der Diebstahlsicherung des Autoradios. Der Fernabfragecode für den Anrufbeantworter (dreistellig!). Die Kindersicherung für den Videorecorder (ich habe keine Kinder). Zwei Zahlenschlösser für den Aktenkoffer. Und jedesmal hieß es: Brücken bauen. Ich gab mir Mühe. Als ich mich nach der Vernichtung aller Geheimzahlbriefe ins Auto setze, das Radio einschalte und die digitale Anzeige mich nach der Codenummer fragt, antworte ich: "5433 - Musik herbei!", drücke die vier Zahlen auf den Stationstasten und habe das Sicherheitssystem überwunden. Gerührt über mein enges Verhältnis zur High-Tech, schalte ich zwischen Glasunows sechster Symphonie und dem Börsenbericht hin und her.

Ob zuviel Arithmetik mein Verhängnis wurde? Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem EC-Automaten. Ich habe bis zur Schließung der Bankschalter gewartet, damit die Codeeingabe neben Spaß auch Sinn macht. Alles geht glatt - bis zur Geheimzahl. Mir will einfach der Reim nicht einfallen. Doch glaube ich, mich an die Ziffern zu erinnern: 6371. Nach Sekunden habe ich es schriftlich: "6371 - Geld gibt's heute keins!" Der Automat dichtet, schneller und besser als ich. Darüber nachzudenken, bleibt keine Zeit, die Aufforderung "Bitte Geheimzahl eingeben" leuchtet schon wieder. Zweiter Versuch: 7638. Klingt überzeugend. Aber nicht für den Automaten: "7638 - wieder falsch gemacht!"

Mein Gehirn ist nicht leer, es ist angefüllt mit Reimen: "Wie soll ich fliehen? / Wälderwärts ziehen? Alles vergebens! / Krone des Lebens." Aber auch: "Ene mene miste, es rappelt in der Kiste." Nur die Geheimzahlreime sind weggeblasen. Meine Finger aber, sie machen sich selbständig und tippen entscheidende Ziffern: 6734.

"Die Karte bleibt hier!" schreibt der Automat. Und verzieht sich in diesem Moment nicht der Geldausgabeschlitz zu einem leichten Grinsen? "Nach dreimaligem Fehlversuch wird Ihre EC-Karte einbehalten", sagt der Bankangestellte am nächsten Morgen. "Dies stellt einen zusätzlichen Schutz gegen Mißbrauch dar." Und mit einem nachsichtigen Kopfschütteln fügt er hinzu: "All das haben wir Ihnen aber mitgeteilt."